Nach recht stressigen und nervösen Vorbereitungen in der Heimat und tränenreichen Abschieden passiere ich die Sicherheitskontrolle am Stuttgarter Flughafen. Es ist kurz nach 18 Uhr und ich habe noch zirka eine Dreiviertelstunde Zeit, bis das Boarding beginnt. Schnell die letzte Träne wegwischen und kurz ein letztes Hefeweizen in der deutschen Heimat trinken. Im europäischen Ausland, so meine bisherige Erfahrung, ist das ja recht schwer zu bekommen. Wie wird es dann erst
in Südafrika, besonders in der berühmten Weinregion um Stellenbosch sein?
Ich sehe schon die verwunderten Kellner und Kellnerinnen, die schulterzuckend ihre Bierauswahl von Heineken bis zur lokalen Spezialität aufzählen und meinen Wunsch nach einem Hefeweizen unbefriedigt lassen werden. Also bestelle ich bei einem indischen Kellner ein Hefeweizen, das dieser recht übervoll mit Schaum einschenkt, so dass es überläuft und alles feucht wird. Naja, was soll's? Hauptsache. Während ich das Bier genieße, denke ich an das, was wohl kommen wird, welche Menschen, ich wohl treffen werde und daran wo ich wohl wohnen werde.
Kurz vor dem Boarding blättere ich noch schnell die Stuttgarter Zeitung durch und stelle fest, dass es jetzt McZahn gibt. Ein Aldi für den Mund, ein Zahnarzt à la McDonald's, gegen den sich natürlich die deutsche Zahnärzteinnung mächtig aufregt, weil dessen Gebisse in China gefertigt werden. Da muss ich an einen Witz denken, den mir mein Vater vor der Abreise erzählt hat. Ich gebe diesen hier natürlich nicht zum Besten – schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Nachdem ich auf meinem Sitz im Flugzeug Platz genommen habe, bemerke ich neben mir eine recht attraktive junge Dame, die mit einem Heft mit der Aufschrift „South Africa“ herumhantiert. Also frage ich sie in meinem besten Englisch, ob sie aus Südafrika komme. Ein freudiges „ja“ hallt mir entgegen. Hierbei ist zu erwähnen, dass das südafrikanische „ja“ (übrigens auch in englischer Konversation durchaus gebräuchlich) viel dunkler und tiefer klingt als das deutsche Standard-Ja und am Ende wieder leicht ansteigt. Man könnte fast gewillt sein und annehmen, es handele sich um einen Ton wie im Chinesischen, wo die Silbe „ma“ je nach Betonung fünf verschiedene Bedeutungen haben kann.
Meine Gesprächspartnerin heißt Jana (man beachte auch hier eben Gesagtes!) und wir kommen schnell ins Gespräch. Ich verpasse vor lauter plaudern fast den sonst so aufregenden Start, wo es einen immer mit so einem Bauchkribbeln in den Sitz drückt, wenn das Flugzeug abhebt. Zu Beginn habe ich echte Schwierigkeiten Jana zu verstehen, da sich südafrikanisches Englisch doch recht deutlich vom „normalen“ Englischen aus Film und Schule unterscheidet. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Ich befürchte sogar, dass mir in der mündlichen Anglistikprüfung so ein südafrikanisches „ja“ anstatt einem sauberen Oxford „yes“ über die Lippen gleiten wird. Vielleicht wird es auch ein „yees“ werden. Dazu aber später mehr.
Jana erzählt mir viel davon, was sie hier in Deutschland gemacht und erlebt hat. Offensichtlich ist, dass sie ein helles Paar Winter-/Schneeschuhe mit Fellinnenfutter gekauft hat, worin sie sogar jetzt hier im Flieger schon schwitzt wie in einer finnischen Sauna. Sie berichtet mir, dass sie Regisseurin bei einem großen südafrikanischen Fernsehsender sei und eine eigene Entertainmentshow im wöchentlichen Programm hat; nicht schlecht! Später werde ich herausfinden, dass jeder die Show kennt und weiß, dass sie mittwochabends läuft, aber keiner schaut sie wohl regelmäßig. Eine Visitenkarte bestätigt ihre Aussage und unterstreicht meine These darüber, dass diese Frau einen Schuhtick hat. Den kann man sich ja als normalverdienender Mensch nur zögerlich leisten. Sie hat in Deutschland so viele Schuhe geschoppt, dass sie jetzt beim Flug das schwerste Paar anziehen muss um Gewicht im Gepäck zu sparen. Ein paar Sätze später bestätigt sie mir meine Vermutung persönlich – ohne Nachfrage.
Nachdem ich mich für den Rest des Fluges noch meinem Nebenfach widmen muss und eine kurze Hausarbeit fertigstellen will, landen wir auch schon kurze Zeit später in Frankfurt. Drei Stunden Aufenthalt. Das wird öde. Denkste! Der Flughafen ist so groß, dass man fast zwei Stunden braucht um von Terminal A nach Terminal B zu kommen, wenn man wie Jana und ich ortsunkundig ist. Wir haben gerade noch Zeit, in der Goethe-Bar etwas zu trinken und eine Toilette zu suchen. Jana muss natürlich noch duty-free-shoppen. Ich telefoniere derweil zum sechsten Mal mit meinen Eltern und mit Uwe. Als wir kurz vor dem Boarding sind, fragt mich Jana, ob ich ihr nicht Ihre Laptoptasche tragen könnte, schließlich hatten wir ja jetzt keinen Wagen mehr. Mir wird mulmig. Schließlich hört man ja eine Menge über diese Drogengeschichten, wenn man nur mal eben kurz eine Tasche halten soll und dann unglücklicherweise der Zoll feststellt, dass sich darin die halbe bolivianische Cocaernte befindet. Jana erkennt, glaube ich, meinen kritischen Gesichtsausdruck und sieht ein, dass sie nun die Früchte ihrer Shoppingwut ernten muss: tonnenschweres Handgepäck.
Als wir im übervollen Warteraum darauf Warten, endlich den Flieger besteigen zu können, geschieht etwas durchaus unangenehmes: „Der Passagier Boris Haselbach wird gebeten sich am Informationsschalter zu melden! Der Passagier Boris Haselbach wird gebeten sich am Informationsschalter zu melden!“ Oh mein Gott, was ist jetzt los? Hat mir Jana doch irgendwo Koks hineingeschmuggelt? Nein, die Sache ist schnell geklärt. Die Dame am Schalter war sich lediglich unsicher, ob sie mein Gepäckstreifen richtig eingescannt hat. Sie hat. Gott sei Dank!
Das Flugzeug füllt sich nur sehr langsam und ich schätze gut 300 Leute gehen in diesen Vogel. Mein erster Interkontinentalflug macht mich schon etwas nervös, aber ich lasse mich vom Strom der Passagiere in das Flugzeug treiben. Meine Nervosität legt sich aber schnell schließlich rauscht, als ich auf meinem Platz sitze, ein Aaaaaacccchhh an mir vorbei. Es gehört zu einem überaus zuvorkommenden, wohlriechenden, überdurchschnittlich gepflegten und stark gestikulierenden Flugbegleiter, der mit klassisch aufgesetzter Freundlichkeit nach meinen Wünschen und meinem Befinden fragt. „Das aufgetackerte Lächeln Ihrer Kollegin gefällt mir. Kann man das auch in diesen Duty-free-Shops kaufen?“, denke ich mir und erkläre, dass ich einen Gin Tonic und zum Essen nicht den Salmon sonder das Chicken wünsche. Das jüdische Ehepaar neben mir bestellt das Gleiche. Ich habe wirklich Glück: der einzige freie Platz im ganzen Flieger ist zwischen dem jüdischen Ehepaar und mir; wunderbar! Das amerikanische Ehepaar vor mir ist natürlich noch lauthals unentschlossen, was sie speisen werden und dummerweise kennen sich das amerikanische Ehepaar vor mir und das amerikanische Ehepaar hinter mir. Ich glaube ich habe durch meine auf volle Lautstärke gedrehten Kopfhörer, mit denen ich versucht habe Donna Leons Nobilità anzusehen, mitbekommen, dass Tommy – das ist wohl der Sohn der vorderen Bush-Schwadron – jetzt in Down Under studiert. Glücklicherweise kennen die vier das jüdische Ehepaar neben mir nicht um mich vollständig zu umzingeln. Stattdessen blättern diese seelenruhig in ihren hebräischen Magazinen.
Mein Display im Vordersitz funktioniert glücklicherweise. Schräg vor mir kämpft gerade ein Passagier vergebens mit der Technik und fragt immer zorniger werdend beim immer gleich gelassen bleibenden Flugpersonal nach Reparatur seines Bildschirms. Irgendwann kommt eine Durchsage, dass man defekte Displays bitte entschuldigen müsse, denn in der Luft seien die Mittel zur Reparatur technischer Probleme nur begrenzt. Na prima, was ist, wenn jetzt was in der Flugelektronik kaputt geht? Also ergibt sich der schräge Passagier dem Gequassele seiner Freundin. Ich glaube es sind Brasilianer: nur brasilianische Frauen können so schöne nasale Vokale produzieren, die man selbst die lauten Kopfhörer noch hindurch hört. Das Chicken ist doch recht bekömmlich und ich kann sogar hin und wieder ein paar Stündchen wohlig schlafen.
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