Am Montag in der Früh versuche ich mit meinem Rechner ins Internet zu kommen. Auf dem Weg zum rufe ich bei den Jungs von Joubert Straat an, vielleicht können die mir kurz einen Trick verraten. Ich werde ungefähr zehn Mal weiterverbunden und immer darf ich mein Geschichtchen von meinem offline Mac erzählen. Keine weiß so recht, was man da machen kann. Als ich mir denke, dass mir am Telefon eh nicht zu helfen ist, bedanke ich mich bei meinem momentanen Gesprächspartner und dann höre ich am anderen Ende das Wort, das mich hier noch ein wenig begleiten soll „pleasure“. Das südafrikanische „pleasure“ ist allerdings vom standardsprachlichen britischen „pleasure“ phonologisch klar zu unterscheiden. Es klingt eher wie „plesha“.
Ich versuche mein Onlineglück auf eigne Faust. Keine Chance. Irgendetwas hakt. Ich spiele solange in den Systemeinstellungen meines Rechners herum, bis ich beinahe den Termin mit Rufus verschwitzt hätte. Ich komme aber noch rechtzeitig. Rufus empfängt mich wie immer sehr herzlich und fragt ob auch wirklich alles in Ordnung sei und ob keine neuen Schwierigkeiten mit der Unterkunft aufgetreten seien. Nein, alles bestens, versichere ich ihm. Bis auf das Onlineproblem, aber da kann er mir bestimmt auch nicht helfen, das kann wohl niemand. Wir reden eine ganze Weile über meine Arbeit im Allgemeinen und über Perspektiven meiner Arbeit. Er ist sehr angetan und sagt, dass er mich unbedingt ein paar Leuten hier vorstellen möchte. Bislang gibt es noch keine linguistisch annotierten Corpora für das Afrikaans und eigentlich bestünde schon Bedarf. Also, ran ans Werk.
Im Februar und März ist für gewöhnlich Prof. Bergenholtz aus Århus, Dänemark, in Stellenbosch im Rahmen einer Gastprofessur. Zur Zeit stünde jedoch Prof. Begenholtz' Büro leer und ich könne es benutzen. Cool! Wir gehen zu Frau Roos, der Sekretärin der Abteilung. Sie sei die gute Fee und könne bei (fast) allem helfen. Sie ist sehr nett und droht an, mit mir Afrikaans zu sprechen. Endlich kann ich üben! Rufus führt mich in „mein“ Büro – es ist drei Zimmer neben seinem – und er bietet an, jederzeit bei ihm oder Frau Roos vorbei zu kommen; falls ich Fragen, Wünsche oder Probleme haben sollte.
Das Büro ist zwar nicht besonders grandios, aber es ist erst einmal mein eigenes Büro. Zwei nebeneinander gerückte Schreibtische. Auf dem linken steht ein Rechner und ein Drucker. Den rechten Platz beschlagnahme ich. Außerdem stehen eine Unmenge Bürostühle und ein Haufen Kruscht in der hinteren Ecke des Raumes, aber das stört mich keinesfalls. Ich richte mich häuslich ein, bestaune die tolle Aussicht und fühle mich erst einmal eine Weile einfach nur wohl. Den Schlüssel begutachte ich wie ein kleiner Junge, der gerade einen Riesenlutscher geschenkt bekommen hat. Ich befestige ihn an meinem Schlüsselbund mit dem coolen elektronischen Toröffner zu „meiner“ Wohnung. Klasse!
Ach ja, da war ja noch etwas: die List mit gestohlen Gegenständen will zur Polizei gebracht werden. Ich habe am Wochenende ja schon angefangen, diese zu erstellen. Mit der Registrierungsnummer meines Mobiltelefons, welche mir meine Eltern zugeschickt haben, komplettiere ich den Wisch. Louiskitt hat mir letztens einen Zettel mit seiner und der Telefonnummer eines Inspektor Gouws mitgegeben (ich habe Rufus gefragt: sie sind nicht verwandt; zumindest weiß er von nichts). Ich rufe dort an. Ich werde auf Afrikaans begrüßt, aber da ich mich noch nicht verhandlungssicher im Afrikaans einschätzen würde, antworte ich englisch. Alle Südafrikaner sind zum Glück der englischen Sprache derart unterwürfig, dass man auf jede Frage oder Aussage in irgendeiner der anderen zehn Amtssprachen auf Englisch antworten kann. Der Gesprächspartner wechselt sofort in die Sprache von McDonald's, CocaCola, Hollywood und George W. Man ist ja schließlich weltoffen. Also lasse ich mein beitetes Ämärikäninglisch raushängen und verlange nach Inspektor Gouws. Mir wird dargelegt, dass ich am Mittwoch wieder anrufen solle. Da sei Inspektor Gouws wieder im Büro. Also doch nicht ganz so amerikanisch. Ich reduziere meinen amerikanischen Akzent und berichte von meinem Problem. Ganz höflich frage ich, ob es denn unbedingt dieser Inspektor Gouws sein müsse. Schließlich habe ich mit ihm ja noch nichts zu tun gehabt. Irgendein anderer Offica würde auch helfen können. Ich verstehe nicht so ganz, was mir gesagt wird und merke, dass ich wohl oder übel persönlich zur Wache gehen muss. Verwirrt bedanke ich mich und höre: „plesha“. Grrrrr ...
Dieses Mal finde ich den Vordereingang. Er ist eigentlich gar nicht so schwer zu finden, aber wahrscheinlich war ich zu aufgeregt, als dass ich mich damals hätte richtig orientieren können. Ich gehe durch diverse (unbewachte und verlassene) Tore und Sicherheitsschranken mit dem wohl einsamsten Pförtnerhäuschen, das ich jemals gesehen habe. Dann betrete ich die Polizeidienststelle; diesmal von der richtigen Seite. Als ich nach gefühlten drei Stunden Wartezeit endlich an der Reihe bin, komme ich zu einem sehr netten schwarzen Polizeibeamten. Dass er schwarz ist, bräuchte ich eigentlich nicht zu erwähnen: alle sind hier schwarz. Und ich habe zum ersten mal das Gefühl auf Grund meiner Hautfarbe isoliert zu sein. Ein komisches Gefühl, das mir zu denken gibt. Nichtsdestominder erzähle ich mein Geschichtchen zum x-ten Mal und werde gebeten, ebendieses dem Gentleman hinter der Holztüre erneut zu berichten. Dass hinter dieser Holztüre nichts arg böses lauert weiß ich ja bereits vom letzen Mal ... Also gehe hindurch und will gerade zu dem braunen Gentleman, als sich urplötzlich eine ältere indische Frau ganz aufgeregt vordrängelt. Nachdem Inspektor Gentleman diese abgefertigt hat, komme ich an die Reihe. Ich fange gerade an zu erzählen, da platzt ein sonnengebräunter Weißer Marke „Lässiger Surfer“ herein und beschwert sich, dass dieses Fingerabdruckskommando ausgerechnet dann komme, wenn er arbeiten müsse. Und dann hat der Beachboy noch eine Reihe anderer Probleme, die er ausgerechnet jetzt mit Inspektor Gentleman zu diskutieren meint. Dieser lässt sich scheinbar gerne auf die Diskussion ein. Um was es genau geht, verstehe ich nicht so ganz. Es dauert nur ewig. Ich warte. So langsam fangen diese Crocs-Latschen des Surfertyps an, mich extrem zu nerven. Ruhig bleiben, immerhin bin ich auf einer Polizeidienststelle in einem fremden Land.
Als Inspektor Gentleman endlich für mich Zeit hat, ist er sehr nett zu mir und bedauert das, was mir geschehen ist. Er kramt in seinen Akten und drückt mir einen zum 300. Mal fotokopierten Vordruck in die Hand, wohinein ich alle geklauten Gegenstände schreiben soll. Er bittet mich einstweilen nach draußen, damit er weiterarbeiten kann. Ich setzte mich in den „Warteraum“ der Wache und beginne die Liste zu übertragen. Von sauber geordnet nach schlampig kopiert. Als ich fast fertig bin, kommt Constable Williams auf mich zu und bietet mir an, dass ich zum Ausfüllen nicht hier bleiben müsse. Ich sage, dass ich fast fertig bin und es kein Problem sei, das auf der Wache zu erledigen. Aber er schien so über mein Wohlergehen besorgt zu sein und mir diverse Male erklärte, dass ich nur anrufen müsse, dann kämen die Officas zu mir nach Hause uns nähmen dann meinen Fall auf und um endlich so eine Akte zu erstellen. Also gehe ich für die restlichen zwei Zeilen nach Hause.
Daheim angekommen schreibe ich die zwei Zeilen fertig und rufe bei der Polizei an. Man sagt mir, ich solle vorbeikommen. Nein Jungs, ich will Constable Williams sprechen. Man überreicht mich ihm. Natürlich erinnert er sich an mich. Ich sage, ich sei fertig und die Officas könnten nun kommen. In zehn Minuten seien sie bei mir.
56 Minuten später fährt gemütlich ein Polizeilaster in die enge Einfahrt. Die Officas begrüßen mich und ich führe sie in die Lounge, wo ich ihnen ein kühles Getränk offeriere. Sie nehmen gerne an. Der eine scheint nichts zu sagen zu haben und hat nur zu dokumentieren. Chefoffica interviewt mich; mit ihm führe ich die Hauptkonversation. Er fragt, woher ich komme da ich so klares Englisch spreche (im Vergleich zum Englischen hier ist meines wirklich prima). Deutschland ist meine Antwort. „Great Football Championship“, höre ich. Schon gut, habt ihr ja auch bald.
Nachdem wir fertig sind und die Officas alles akribisch mitgeschrieben haben, frage ich, ob sie noch etwas trinken möchten. Sie sind sitt. Mir scheint als ob der Unterofficia mehr geschrieben hat, als Oberoffica und ich gesagt haben. Der Aktenschimmel ist eben nicht nur in Deutschland weit verbreitet. Oberoffica erklärt mir, dass ich in zirka zwei Stunden anrufen könne und dann eine Aktennummer erhalte, mit der ich alles weiter regeln könne zu diesem Fall. Klingt logisch. Ich könne dann sogar mitten in der Nacht zur vorbeikommen und nachfragen, wie die Ermittlungen zu meinem Fall stünden. Bei der Polizei habe man 24 Stunden auf. Beruhigt mich. Ich bedanke mich und sage dass ich mich wegen der Nummer melde. Mein Telefon sehe ich nie wieder.
Oberoffica dirigiert Unteroffica mit dem Polizeitruck aus unserem engen Hof. Naja, Paris Hilton hätte es bestimmt nicht schlechter gemacht. Als die Officas gegangen sind, haben wir wieder einen Stromausfall. Also gehe ich zur Uni, wo in solchen Fällen ein Generator für Elektrizität sorgt. In meinem Büro arbeitet es ich prima.
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