Ich kann zum Glück in Humarga meine E-Mails an den lokalen Rechnern abrufen. Meinen Laptop über das Funknetz ins Internet zu hängen, klappt natürlich nicht. Und natürlich ist samstags auch niemand von den Jungs in Joubert Straat erreichbar. Also muss ich das Wochenende über etwas improvisieren. Den frühen Vormittag bringe ich auch schnell mit E-Mails, Spiegel-Online, Wikipedia, YouTube, usw. über die Runden. Schließlich arbeite ich auch noch ein wenig an meinem Tagset und stapfe zu Wimpy, einer Art McDonald's. Nur scheint das Angebot etwas umfangreicher zu sein. Wimpy befindet sich in der Eikestad Mall, einem zweistöckigen Einkaufszentrum mit Läden für alles, was man so braucht. Man bestellt bei Wimpy nicht am Schalter und wackelt dann mit seinem Tablett an einen Tisch, nein, man wird bedient und ein weißer „Aufseher“ passt wie ein Fuchs auf, dass seine braunen und schwarzen Ladys auch zügig zur Stelle sind. „Wurden sie schon bedient?“, „Wurden Sie freundlich bedient?“ oder „Schmeckt Ihnen das Essen?“, fragt er beim Herumgehen gerne die Gäste. Als ich etwas verwundert über diesen Service in einem Schnellrestaurant freundlich nicke und erwidere, dass wirklich alles zu meiner vollsten Zufriedenheit ist, möchte er wissen, woher ich komme. „Deutschland, Stuttgart“, sage ich, „Sie wissen schon, Mercedes, Porsche und Bosch“. Er möchte wissen, was ich hier mache und ich erkläre es ihm. Auch meine Erfahrung mit der Kriminalität lasse ich nicht aus. „Ja, ja, so ist das eben, hier, in Afrika!“, sagt er und schaut seine schwarze Angestellte abfällig an. Dass ich sicherlich nicht von ihr, die mir weitaus sympatischer erscheint als Mr. Sklaventreiber, beraubt wurde, sondern von irgendeinem Backpacker-Poes aus Argentinien, würde an seiner Meinung bestimmt nichts ändern. Also bin ich still und beiße in meinen Wimpy-Burger. Schwere Kost!
In der Eikestad Mall befindet sich auch ein Supermarkt, der fernab von deutschen verkaufsstrategisch optimiert platzierten Regalen, sehr chaotisch eingerichtet erscheint. Keine klar identifizierbare Lebensmittelabteilung, keine Non-Food-Abteilung, alles irgendwie durcheinander. Die Gänge sind ewig lang und wenn man etwas bestimmtes sucht, so muss man eben die ganzen Gänge durchlaufen. Aber es ist lustig, zu sehen, was es hier so gibt. Eigentlich alles. Lebensmittel, Grillzubehör, Toilettenartikel, Spielsachen, ... Aber keinen gescheiten O-Saft, entweder gesüßt oder gemixt mit Apfel: furchtbar. Vieles ist aber gleich und einiges ist dann doch anders. Die Kassen haben beispielsweise keine Laufbänder und überall wird einem der Einkauf in Tüten eingepackt. Auch der Gemütlichkeit wird hier sehr ausgiebig gefrönt. Unglaublich, dass „Gemütlichkeit“ kein Wort des Xhosa ist.
Xhosa (eigentlich isiXhosa genannt) ist im Übrigen die Sprache der schwarzen Bevölkerungsgruppe hier in der südafrikanischen Westkapregion. Zwar sprechen alle auch Englisch und Afrikaans, aber untereinander wird Xhosa gesprochen. Eine Eigenheit der Bantusprachen, wozu Xhosa gehört, sind die Klicklaute. Für europäische Ohren gänzlich unbekannt, klingt so ein Klicklaut recht lustig. Man muss sich z.B. den Laut „x“ vorstellen, wie das Zungeschnalzen beim Reiten. Im Fachjargon heißt er „lateral click“, da er seitlich mit der Zunge produziert wird. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Klicks, u.a. „c“, was sich anhört wie das zungenschnalzende Tadeln eines jungen, ungezogenen Lausbuben. Aber ich schweife ab.
Ich beschließe, noch eine kurze Hose und ein paar T-Shirts zu erstehen, da Poes-José ja auch davon etwas brauchen konnte. Ich gehe in einen recht coolen Klamottenladen und finde schnell ein paar nette Sachen, die auch wunderbar passen. An der Kasse angekommen ertönt urplötzlich ein dumpfes Geräusch und dann ist alles dunkel. In einem Einkaufszentrum dieser Art gibt es ja für gewöhnlich keine Fenster. Es bricht gelassene Panik im Laden aus und alle fuchteln plötzlich mit ihren Mobiltelefonen herum um Licht zu machen. Der Mann hinter an der Kasse gibt mir meine VISA-Karte zurück und sagt: „Sorry Sir, we have no power. I keep this for you.“
Stromausfälle sind in Südafrika wohl ein modernes Problem geworden, seit in der Regierung vor ein paar Jahren falsche Entscheidungen getroffen wurden, wie mir gesagt wurde, und zu wenig Kraftwerke existieren um alle Klimaanlagen und sonstige Stromfresser mit genügend Energie zu versorgen. Also tapse ich mit meinen sieben Sachen nach draußen und setze mich in ein Café um etwas zu trinken. Der Kaffee ist noch heiß, jedoch entschuldigt sich die Kellnerin zutiefst dafür, dass sie mir sonst nichts anbieten kann. „Sorry Sir, we have no power.“ Nach meinem Kaffee schlendere ich im strahlenden Sonnenschein nach Hause. Zum Glück geht die Sonne nicht so schnell aus, denke ich mir und genieße den warmen Sommerwind des Indischen Ozeans.
Alsbald holt mich auch schon mein Professor zum Ausflug ab. Wir fahren nach Strand, einem Surferdorf am Meer, das ungefähr 20 km südlich von Stellenbosch liegt. Auf dem Weg dorthin bietet mir mein Professor mir das Du an: Rufus. Rufus ist es immer noch sehr unangenehm, dass ich in der Unterkunft gleich am ersten Tag ausgenommen wurde und ich versichere ihm, dass das jetzt eben geschehen sei und er doch überhaupt nichts dafür könne. Das tröstet ihn und wir reden recht nett über dies und das in Südafrika. Unter anderem auch über die Stromausfälle. Auch diese sind ihm überaus unangenehm und ich plädiere dafür, dass dies doch für Südafrika die Gelegenheit sei, um auf regenerative Energieressourcen umzusteigen. Er stimmt mir zu und bedauert nicht am Entscheidungstisch zu sitzen. Recht hat er!
Wow, der Ausblick auf den Ozean von der Straße aus ist bezaubernd. Lediglich die Hotelsilos im Mallorcastil stören die Idylle des Ortes am Meer. Rufus parkt und wir spazieren barfuß durch den herrlich warmen Indischen Ozean. Schade, dass ich zum Arbeiten gekommen bin.
Auf dem Rückweg nach Stellenbosch gibt mir Rufus eine kleine Übersicht über die Bevölkerungs- und Sprachensituation in Südafrika. Es gibt elf Amtssprachen: Englisch und Afrikaans als die Sprachen der weißen Einwanderer. Daneben gibt es neun amtliche Bantusprachen: isiZulu, isiXhosa, Siswati und isiNdebele, die zur Gruppe der Nguni-Sprachen gehören, sowie Setswana, Sesotho und Sepedi, die zu den Sotho-Sprachen gehören, außerdem gibt es noch Xitsonga und Tshivenda.
In der Westkapregion (und fast überall im Land) spricht man „Englisch“. Afrikaans sprechen vor allem im Westen Südafrikas hauptsächlich die Braunen und Weißen. Die Schwarzen sprechen zwar hier auch oft Englisch und Afrikaans, ihre Muttersprache ist aber meist Xhosa oder Zulu. Die anderen Sprachen werden stattdessen in den anderen Provinzen vorwiegend von den Schwarzen gesprochen. Dies führt auch zur Erklärung von – politisch korrekt – schwarz, braun und weiß; für Südafrika immer noch ein schwieriges Thema. Die Schwarzen seien die „Ureinwohner“, was so ganz wohl auch nicht stimme, da sie vor ein paar Hundert Jahren aus dem Norden hierher gekommen seien und die eigentliche Bevölkerung Südafrikas, die San und Khoikhoi, fast gänzlich verdrängt haben. Die Braunen seien wohl zum Teil Nachfahren der San und Khoikhoi, bzw. Nachfahren der ersten europäischen Siedler und deren Sklaven. So ganz verstehe ich das zwar noch nicht, aber da bin ich sicherlich nicht allein. Woher die Weißen kommen ist ja klar. Stichworte: 17. Jahrhundert, Vereenigde Oostindische Compagnie, Buren, British Empire, Apartheid, etc.
Wir machen Halt an einem wirklich tollen Weinberg und Rufus entschuldigt sich schon wieder dafür, dass er mir „nur“ den Hauswein bestellt hat. Er ist köstlich und wir plaudern schon ein wenig über seine und meine Arbeit. Gespannt lausche ich und jetzt wird mir klar: der Aufenthalt hier wird sich definitiv lohnen, der Mann ist genial. Rufus bringt mich zurück zu meiner Wohnung und wir machen einen Termin aus für Montag, 10 Uhr. Ich freue mich.
Am Abend gehe ich mit Arno aus. Zuerst trinken wir ein Bier und essen ein leckeres Steak. Dabei reden wir sehr viel und er erklärt mir seine Situation: Beziehungsstress, usw. Er wolle mich eigentlich als Versuchskaninchen missbrauchen. Er hat die Wohnung neu gemietet und will testen ob er WG-tauglich ist. Zwei Monate seien im schlimmsten Falle ja auszuhalten, aber bislang fände er mich ganz prima. Nach dem Essen gehen wir noch ins „De Akker“ die wohl älteste Beiz südlich des Äquators auf dem afrikanischen Kontinent: cool. Ein bisschen wie das Hozti. Ich treffe dort noch eine Menge seiner Freunde, u.a. Liz, die auch schon eine Weile in „Disseldoof“ gelebt hat und daher auch recht gut Deutsch spricht. Denkt sie zumindest. Ein wenig beschwippst schlendern am späten Abend Arno und ich die Dorp Straat entlang nach Hause.
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