Meine erste afrikanische Nacht verlief soweit reibungslos und ich mache mich mit all meinen Habseligkeiten auf den Weg zur Uni. Unterwegs hole ich mir noch schnell so ein Kartentelefon zum Aufladen, wozu mir Alet geraten hat: „Das brauchst du hier zum Überleben!“. Auf meinem Plan steht, alle Punkte abzuarbeiten, damit ich dann doch irgendwann mit der Arbeit beginnen kann. (1) Studentenausweis machen lassen, (2) Rechneranmeldung beantragen und (3) Laptop onlinefähig machen. Leichter gesagt als getan. Den Studentenausweis bekomme ich nach ein bisschen Warten an der falschen Schlange dann doch recht problemlos. Leider wissen die Jungs nicht, wie man ihn für die Türen aktiviert, wo ich immer rein und raus muss. Also geht das Gerenne los. Irgendwann denke ich, dass ich Punkt (1) erstmal halbfertig überspringe und zu Punkt (2) übergehe. Bei Humarga, wie hier in Stellenbosch mein zuständiges Rechenzentrum heißt, wird mir gesagt, dass ich erst am Montag über meinen Account verfügen können werde. Ungeduldig versichere ich der Lady, dass ich am Wochenende arbeiten möchte und es doch toll wäre, wenn es jetzt schon ginge. Nach einem Lächeln geht es. Und mit einem zweiten Lächeln kann sie mir auch meinen Studentenausweis für die Zugangskontrollen für Humarga aktivieren. (1) und (2) erledigt. Nun gehe ich in die Joubert Straat, wo mein Rechner fit fürs Internet gemacht werden soll. Die Jungs dort wollen meinen Rechner dabehalten. Ich bekomme Panik! Was, wenn José hier arbeitet? Als mir eine sehr nette Dame versichert, dass das nun eben nötig sei und mir einen offiziellen Registrierungs- und Abholschein für meinen Rechner in die Hand drückt, gebe ich mich geschlagen. Ich hinterlasse meine Telefonnummer: nur für den Fall der Fälle.
Ich gehe zu Alet in Büro und treffe dort auf meinen Professor. Er ist außer sich vor Sorge und sehr bemüht, mir zu helfen eine gescheite Bleibe zu finden. Aber leider weiß er gerade auch nichts. Wir tauschen Telefonnummern aus und dann muss er leider auch schon wieder los. Alet bietet mir an, ihren Computer und ihr Telefon zu benutzen um eine Wohnung zu suchen. Kaum sitze ich wieder bei Alet im Büro und berichte von meinen Erfolgen, klingelt auch schon mein neu erworbenes Handy. Die Jungs aus Joubert Straat wollen ein Programm installieren und benötigen dazu mein Sicherheitspasswort. Ein kryptisches Passwort auf Englisch zu buchstabieren ist gar nicht so einfach, wenn gerade eine Horde wilder amerikanischer Austauschstudenten das Büro betreten. Es kehrt etwas Ruhe ins Büro ein und ich finde über eine Kontaktliste der Internetseite der Uni ein paar Wohnungsanzeigen mit Telefonnummern. Die meisten gehen nicht. Eine nette Dame muss leider verneinen, da sie jemanden für mindestens sechs Monate sucht, aber eine Freundin habe eine ganz nette Herberge, wo ich bestimmt eine Unterkunft für zwei Monate finden könne. Sie gibt mir deren Nummer.
Auch diese junge Dame ist sehr nett und gibt mir ihre Adresse: 8 Dorp Straat. Alet meint, die Gegend sei prima! Als ich mich auch den Weg dahin mache, merke ich, dass die Dorp Straat etwas länger ist und die Nummer 8 ganz am anderen Ende des Dorfes liegt. Und ausgerechnet hier erscheint mir die sonst wirklich gut gelegene Dorp Straat nicht mehr so ganz sicher. Ich betrete zögerlich die Herberge und lasse mir von der sehr charmanten jungen Blondine das freie Zimmer zeigen. Das Zimmer ist straßenseitig und ebenerdig: Minuspunkt. Es kostet rund 7600 Rand für zwei Monate. Ich denke, dass das etwas zu teuer ist, dafür dass es so außerhalb und extrem weit von der Uni entfernt ist. Sie meint es sei gar nicht so weit, ich sei nur falsch gelaufen. Ja klar! Ich frage nach dem Sicherheitsaspekt und sie versichert mir, dass Diebstähle in ihrer Herberge ganz bestimmt nicht vorkämen. Nur einmal sei ihr Laptop aus ihrem Büro geklaut worden. In Panik verlasse ich die Herberge.
Sehr verzweifelt und meinen letzten Notnagel verrostet abbrechen sehend resigniere ich und bin für einen Moment sehr verzweifelt. Auf meinem Weg zurück laufe ich wieder durch die Dorp Straat zurück und finde an der Ecke Meul Straat ein kleines und von außen sehr nett anmutendes Gästehaus, das ich auch schon aus dem Reiseführer Lonely Planet kenne. Bereit alles zu zahlen, betrete ich es und frage nach einem Zimmer für meinen Aufenthalt in Stellenbosch. Die Dame dort kann mir leider keine Auskunft geben, da ihr Chef gerade zu Tisch sei. Sie ruft ihn an und spricht kurz mit ihm auf Afrikaans. Schon am Gesichtsausdruck verstehe ich, dass das hier wohl nichts wird. Der Verzweiflung noch näher will ich gerade die Herberge verlassen, als das Mobiltelefon der Herbergsangestellten klingelt. Sie sagt, es sei für mich. Es ist ihr Chef, der mir ein Angebot macht: nicht in seiner Herberge, sondern in seiner Privatwohnung könne ich für zwei Monate wohnen. Er suche gerade einen Mitbewohner. Ob ich Interesse habe? Und ob! Ja! Ich habe Interesse! Er erklärt mir, dass es auch in der Dorp Straat sei, Ecke Ryneveld Straat. Das ist fast im Zentrum, dort wo die tollen alten Ostindien-Kompanie-Häuser stehen. Ich bin begeistert und mache einen Termin mit ihm um 16 Uhr an der Ecke vor seinem Haus. Ich hole meinen Computer aus Joubert Straat ab (er ist noch da, Gott sei dank) und mache mich auf den Weg zu meiner Wohnungsbesichtigung.
Der Chef des Gästehauses „De Oude Meul“ (dt.: Die Alte Mühle) schländert lässig auf mich zu, begrüßt mich vor dem Haus und lässt mich durch diverse Sicherheitssysteme in seine Wohnung: ein Traum! Das Zimmer hier muss ich haben! Koste es was es wolle. Zentrale, uninahe Lage, sichere Gegend, tolles antikes Haus, cooler Typ. Dieser coole Typ stellt sich mir sogleich als Arno vor und präsentiert mir seinen Mitbewohner Albert (wie der Einstein) einen dicklichen und gemütlichen Perserkater. Er zeigt mir die Küche, das Bad, sein Zimmer, die Lounge und mein Zimmer. Das ist genial, denke ich und frage fast schon angstvoll nach dem Preis. So etwas muss schweineteuer sein. 2000 Rand im Monat. Gekauft!
Mein Koffer ist schnell aus dem iKhaya Backpacker geholt. Wie ich sehe ist alles noch da, was José nicht hat brauchen können. Weiß man ja hier schließlich nicht so genau. Arno hat mir gleich einen Schlüssel mit elektronischem Toröffner überlassen und stolz wie Oskar spaziere ich mit meinem Koffer in meine neue Wohnung. Es ist ein erleichtertes und unheimlich tolles Gefühl. Mit meinem neuen Telefon rufe ich sogleich Alet und meinen Professor an. Auch sie sind überglücklich. Mein Professor lädt mich auch gleich für den nächsten Tag auf einen kleinen Ausflug ein. Es scheint alles gut zu werden.
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