Ich wache während diesem Nachtflug sicherlich 20 Mal auf und schlafe wieder ein. Dummerweise hat der Tommys Dad vor mir herausgefunden, wie man die Rückenlehne nach hinten klappt, und zwar nicht nur ein bisschen. Ich experimentiere noch lange herum, bis mir dasselbe gelingt. Ob jetzt die Busenfreundin von Tommy Dad hinter mir noch genug Platz hat ist mir relativ egal als wir gerade den Tschadsee überfliegen und ich Totos „Africa“ vor mich hinsumme. Auf die Toilette zu gehen ist im Flieger, im Gegensatz zu einer Zugfahrt, der wahrste Luxus. Kein schlimmes Wackeln, keine ekligen Türklinken und Wasserhähnen und es gibt ausreichend Toilettenpapier. Nur die irische Damenmannschaft im, äh, ja was spielen die denn, im, äh, im Grüne-Sportanzüge-mit-der-Aufschrift-„Ireland“-Tragen verlängern hie und da die Wartezeit vor so einem Flugzeugklo.
Nachdem das Kabinenlicht wieder angeschalten wird und alle langsam aus einem sicherlich unbequemen Schlaf erwachen, machen sich Aaaaaacccchhh und Tackerlache daran, die hungrigen Passagiermäuler mit Breakfast zu versorgen und Kaffee, Tee und Saft auszuschenken. Ob ich jetzt wohl auch einen Gin Tonic bekommen könnte? Ich glaube ich müsste die grünen Ladys aus den Klos jagen.
Schon bald nähern wir uns unserem Ziel und man wird gebeten die Kopfhörer dem Bordpersonal zu übergeben. Also schalte ich auch den tonlosen Flight-infromation-Sender ein und schaue mir an, wo wir gerade sind. In meinem Display fliegt der überdimensionale Airbus A340-600 gerade über die großen Weiten der Namibwüste. Als wir zum Landeanflug auf Kapstadt ansetzen habe ich leider schlechte Karten was die Sicht anbelangt. Zwar fliegt der Pilot ein paar Extrarunden um den Tafelberg, aber leider sehe ich wegen meines Gangplatzes nur hin und wieder ein kleines Eckchen. Wir landen und die Türen des Fliegers öffnen sich. Es geht unheimlich schleppend voran; es dauert eben ein bisschen bis alle Amis ihre McDonald's, Burger King und Pizza Hut genährten Hinterteile aus der Maschine in den Bus bewegen, der uns zur Einreiseschalterhalle bringt. Jana tut mir jetzt noch mehr leid. Wenn ich jetzt in ihren Schuhe gehen müsste, würde ich wohl sterben. Mir sind ja meine geschlossenen Lederschuhe schon viel zu warm. Aber mit diesen betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben afrikanischen Boden. Vor meinem inneren Ohr spielt Toto jetzt noch lauter ...
Natürlich ist die Warteschlange bei den nichtsüdafrikanischen Staatsbürgern um die 295 Personen lang; bei den südafrikanischen 5. Jana kommt also schneller aus ihren Schuhen, als ich zu meinem Besuchervisum. Die Dame am Schalter schaut mich dermaßen indifferent an, dass sie erst mal nicht versteht, dass ich ein Besuchervisum und kein Touristenvisum benötige. Ihr Kollege hilft ihr dann schließlich und sie drückt den Stempel durch.
Mit meinem Gepäck, was Gott sein dank nicht ohne mich nach Moskau sondern tatsächlich mit nach Kapstadt geflogen ist, stapfe ich in Richtung Ausgang. Jana verfolgt mich und hilft mir freundlicherweise bei der Suche nach meinem Abholer. Echt nett denke ich und erblicke einen Typen Marke „Vollmilchschokolade“ mit einem Schild in der Hand „SUN – Stellenbosch Universieit“. Der Name ist hier Programm.
Es fahren noch zwei andere Deutsche mit uns im Auto mit. Zu Anfang ist die Stimmung etwas dezent, aber als einer der beiden, den ich freundlicherweise habe vorne sitzen lassen, mit einem unglaublich starken deutschen Akzent beginnt, von seinem BWL-Studium zu erzählen, lächle ich freundlich und schalte auf Durchzug. Das Mädel neben mir auf der Rückbank begrüßt mich plötzlich herzlich und erzählt mir (auf Deutsch) dies und das über ihr Leben, was mich in diesem Moment wirklich nicht so stark interessiert. Aber wahrscheinlich braucht auch sie etwas Ablenkung von BWL. Als sie dann bekannt gibt, dass sie in Greifswald Theologie studiert und hier ihre Masterarbeit verfassen möchte, schalte ich auch hier auf Durchzug. Ich weiß jetzt schon nicht mehr,
wie sie heißt. Mir fällt auf, dass im Unterschied zu Deutschland hier mächtig viel los ist auf der Autobahn. Weniger auf den Fahrspuren, als vielmehr am Rand. Eine Familie nach der anderen und unterschiedlichste nichtmotorisierte Vehikel teilen sich den Randstreifen. In Deutschland würde in diesem Fall der Verkehrsfunk nur aus Warnungen über Fußgänger auf der Fahrbahn bestehen. Hier juckt das wohl keinen.
Bald schon erreichen wir Stellenbosch und mir fällt auf, dass am Ende jeder Weinrebe ein Rosenstock steht. Das nenne ich Liebe zum Detail, denke ich laut, woraufhin mir und den anderen von Mr. BWL erklärt wird, dass dies des Mehltaus wegen sei. Ok, wieder etwas gelernt. Dass die Rosen abwechselnd weiß und rot sind, hat bestimmt kein Zweck; das sieht einfach nur schön aus.
Das internationale Büro ist aufgrund der Tatsache, dass Stellenbosch ein Dorf und keine Stadt ist, schnell erreicht und etwas unsicher betrete ich das alte kapholländische Gemäuer. „Du musst mein Student Boris sein, richtig!? Ich bin Alet, komm rein, nimm Platz!“. Alet, Marke „Weiße Schokolade“, redet wie ein Wasserfall, aber irgendwie strahlt sie etwas sehr beruhigendes aus. Ich fühle mich willkommen und fange mit ihr an, mich für die Uni zu registrieren. Sie ist wirklich sehr bekümmert um mich und hilft mir über alle Maße, mich zurecht zu finden. Sie gibt mir Telefonnummern, Stadtpläne und Infos um mich zu orientieren. Ein wenig später muss sie zu einem Termin den sie beinahe verschwitzt hätte und der Chauffeur bringt mich zum Backpacker, wo ich erst mal ein paar Nächte bleiben soll. Ich checke ein und stelle fest, dass ich 0 Rand habe. Also gehe ich erst mal wechseln, zahle das Zimmer im Voraus und ein junges putziges Mädchen der Marke „Edelbitterschokolade“ zeigt mir mein Zimmer. Ein Mehrbettzimmer, wovon zwei Betten schon belegt sind. Das eine ist voller Kruscht, das andere scheint recht aufgeräumt zu sein. Ich suche mir ein Bett aus und deponiere mein Zeug dort, danach mache ich mich im angrenzenden Bad kurz frisch. Derweil betritt ein südamerikanisch aussehender Kerl den Raum. Er hat einen Schlüssel und stellt sich mir als José aus Argentinien vor. Als ich ihm erkläre, dass mein Name Boris ist und ich aus Deutschland kommen fragt er mich gleich nach Schalke, Fußball und Weltmeisterschaft. Er scheint ganz nett zu sein. Meinen Koffer verstaue ich derweil zusammen mit meiner Regenjacke im Schrank, verabschiede mich bei José und sage, dass ich zurück an die Uni muss. Er wünscht mir mit einem grausamen spanischen Akzent viel Erfolg und sagt, dass wir heute Abend über Fußball, Schalke und Weltmeisterschaft reden werden. Na, das kann ja heiter werden.
Auf dem Weg zurück zum internationalen Büro esse ich in einem sehr trendigen libanesischen Restaurant gefüllte Pfannkuchen. Mmmhhhh! Auf dem Weg zur Uni kaufe ich mir noch einen Stromadapter für Südafrika. Ein nette indische Gemischtwarenhändler verkauft mir einen für 6 Rand. Er versichert mir, dass das ein fairer Preis sei. Er hat recht, wie sich später herausstellt. Im Supermarkt sind sie doppelt und dreifach so teuer.
Alet begrüßt mich am Nachmittag und gibt mir eine kleine Campustour, zugleich weist sie mich in die lokalen Gepflogenheiten hin. Hört sich alles machbar an. Wir verabschieden uns und ich gehe zurück zu meinem Backpacker. Als ich das Zimmer betrete sehe ich, dass meine Badetasche fehlt, die ich auf mein Bett gelegt habe. Lediglich meine Zahnbürste und das Zeug für die Kontaktlinsen, sowie das Reisepaket an Wattestäbchen ist noch da. Ich denke mir im ersten Moment nichts und überlege mir, dass José sich das bestimmt kurz geborgt hat. Als ich den Schrank öffne, sehe ich die Bescherung auch erst auf den zweiten Blick. Zuerst fällt mir auf, dass meine olivgrüne Regenjacke fehlt und erst dann sehe ich das komplette Ausmaß der Katastrophe: dieses verdammte piep hat meinen Koffer geknackt und ein paar Sachen mitgehen lassen. Mein Mobiltelefon, einen iPod shuffle, eine externe Festplatte, einen kleinen Geldbeutel mit 15 Euro, eine braune Hose und ein braunes leichtes Hemd, sowie Sportklamotten. Ok, Sport treibe ich eh recht selten, aber ich telefoniere doch recht gerne, und Musik hören macht auch Freude. Im Moment der Panik gehe ich zum Besitzer des iKhaya Backpacker und berichte ihm in stotterndem Englisch, von meinem Problem. Dieser, sichtlich angetrunken und desinteressiert, schickt mich noch einmal auf mein Zimmer und sagt ich solle doch gucken, ob er es nicht irgendwo anders platziert hat. Hat José natürlich nicht. Ich frage die Mädels im Zimmer nebenan, ob sie in den letzten Stunden etwas bemerkt haben oder die Leute in meinem Zimmer kennen, aber diese erklären mir, dass sie erst vor zirka einer Viertelstunde wieder zurückkamen. Weshalb José bei denen nichts gemopst hat wird mir schnell klar: er hätte bei der Unordnung in dem Zimmer der Mädels nicht mal eine verrostete Randmünze gefunden. Die eine berichtet mir ganz aufgeregt, dass vor ungefähr zwei Minuten ein junger Mann in etwa meiner Größe den Gang entlang gelaufen ist: Das war ich, du Kuh!
Also gehe ich wieder zum iKhaya-Chef, der nur ganz abfällig sagt, dass ich dann eben zur Polizei gehen müsse. Das werde ich! Nur leider weiß ich nicht, wo sich diese befindet. Also frage ich ihn und die Wegbeschreibung, die er mir nach seinen fünf Bierchen gibt, kann man nicht mal als Sprecher seiner Sprache gut deuten. Immerhin verstehe ich die grobe Richtung und mache mich dahin auf den Weg. Als ich wild umherirrend fast verzweifelnd die Polizei immer noch nicht gefunden habe, beschließe ich, die Polizei kommen zu lassen. Ich finde ein öffentliches Telefon und rufe 10111 an, den südafrikanische Polizeinotruf. Nachdem mir zugesichert wird, dass jemand kommt, bin ich schon ein wenig beruhigter. Ich rufe Uwe mit dem „50 Rand World Call Universal Calling Voucher“, welchen ich mir glücklicherweise am Nachmittag noch organisiert habe, an und sage, er solle meine SIM-Karte sperren lassen. Er tut dies. Ich bekomme unheimlich Durst und hole mir gegenüber bei einem Schnellrestaurant eine kalte Limonade. Nach einer halben Stunde, einer gefühlten Unendlichkeit, ist noch immer keine Polizei vor Ort. Meine Nervosität kommt wieder und ich frage einen Passanten nach der Polizeidienststelle. Ich bin nur knapp 200 Meter davon entfernt. Auf dem Weg dahin muss ich durch eine recht unheimliche Gegend: die Straße führt hindurch zwischen einer verlassenen Sportanlage und dem Firmenparkplatz von BAT-Südafrika (Raucher müssten den Laden kennen). Ich finde die Wache; nur leider deren Vordereingang nicht. Der etwas seltsam anmutende Hintereingang muss es auch tun. Die vielen Polizei-LKWs verraten mir, dass ich richtig bin. Die Dame am Hintereingang schickt mich durchs Gebäude und sagt ich solle den Gentlemen dort mein Anliegen erklären. Diese staunen erst mal nicht schlecht, als ich von hinten kommend plötzlich mitten in ihrer doch recht uneuropäischen Polizeiwache stehe. Ein junger, sehr netter Polizist namens Louiskitt nimmt sich meiner an. Ich bitte ihn, die Privatnummer meines Professors herauszufinden, aber da stellt er auf stur. So etwas geht hier nicht! Ich habe zum Glück noch Alets Mobilnummer. Louiskitt ruf sie an und erklärt ihr alles. Er bringt mich zum iKhaya zurück und Alet verspricht auch umgehend dorthin zu kommen. Jetzt fragt man sich bestimmt, warum ich Alet nicht schon vorher angerufen habe? Die Antwort ist recht einfach: viele Südafrikaner schreiben eine 9 wie eine 4.
Zurück im iKhaya erklärt mir Louiskitt, dass ich eine Liste der gestohlenen Gegenstände anfertigen solle und dann zur Polizeiwache zurückkommen solle. Dann werde eine Akte für mein Fall gemacht. Louiskitt geht, Alet kommt. Sie veranlasst als erstes, dass ich in ein Einzelzimmer komme. Hätte ich vorher gewusst, dass es diese gibt, hätte ich wahrscheinlich schon früher eines genommen. Außerdem ordert sie zwei Bier: zur Beruhigung. Alet ist prima: sie redet mir gut zu und verspricht mir, am nächsten Tag zu helfen eine Bleibe zu finden. Außerdem bräuchte ich unbedingt ein südafrikanisches Mobiltelefon. Irgendwann stößt ihr Freund Greg (Maschinenbauer) hinzu. Die zwei bringen mir dann nützliche Afrikaans-Vokabeln bei; u.a. „poes“, was ich nicht unbedingt meinem Professor sagen solle da es ein sehr, sehr unanständiges Wort sei, aber wohl sehr treffend José beschreibe. U nach einer zweiten Runde Bier geht es mir schon ein bisschen besser.
Später am Abend gehe ich in mein Einzelzimmer und richte mich provisorisch ein. Ich nehme ab sofort meinen Laptop überall mit hin. Sogar zum Duschen. Bevor ich einschlafe höre ich noch etwas Musik und mit meinem Laptop im Arm schlafe ich recht unruhig ein.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen