Samstag, 19. Januar 2008
Donnerstag, 17. Januar 2008
17. Januar 2008
Arno ist sehr sportlich. Zumindest macht es den Anschein. In der Lounge stehen zwei Mountainbikes, wovon eines ihm und eines seinem Bruder, der im Übrigen auch Boris heiße, gehöre. Sonntags fährt er für gewöhnlich eine Tour hier durch die Weinberge. Als ich am Sonntag aufstand, sah ich, dass ein Fahrrad fehlte. Zirka eine Stunde später kam er durchgeschwitzt und im Fahrraddress heim. Cool man!
Heute hat er sich am Abend mit Dan, einem Freund, zum Radeln verabredet. Als die beiden nach einer wohl anstrengenden Fahrt zu Hause eintreffen, machen sie sich frisch und haben natürlich einen Bärenhunger. Den habe ich auch, dazu brauche ich nicht extra Fahrrad zu fahren. Also sind wir uns einig, dass wir alle noch etwas zu essen brauchen und da ich das Java-Café (man beachte auch hier die o.g. Ausspracheregel!) noch nicht kenne, gehen wir dort hin. Das Java ist wohl die Kneipe am Platze. Neben dem Beads (wo ich natürlich auch gelegentlich zu finden bin) ist das Java der Laden um zu sehen und um gesehen zu werden. Dan, Arno und ich treffen ein und natürlich hätten wir reservieren sollen, aber da die Jungs auf die netten Kellnerinnen ihren Charme spielen lassen, bekommen wir noch einen kleinen Tisch. Die Einrichtung ist sehr schick und unheimlich lässig. In eben! Die High-Society gibt sich hier die Klinke in die Hand. Mir wird klar, warum Dan und Arno das Java gerne frequentieren: hier bedienen ausschließlich Blondinen.
Auf der Karte mag mir nichts so recht ins Auge springen. Alle Gerichte tragen seltsame Namen und die Zusammenstellung ist auf den ersten (deutschen) Blick ungewöhnlich. Trotzdem ist alles erschwinglich. Ratlos frage ich Dan, was er mir empfehlen könne. Die Rinderstreifen auf den Nudeln seien der Hammer. Er nehme sie. Also tue ich es ihm gleich. Dazu trinken wir Windhoek Lager. Am Anfang denke ich, dass Windhoek Lager so schlecht nicht sein kann, da Namibia immerhin vor rund 100 Jahren eine deutsche Kolonie war und sich dadurch bestimmt eine handfeste Braukultur entwickelt habe; mit Deutschem Reinheitsgebot von 1516 und dem üblichen Kram. Weit gefehlt. Windhoek Lager schmeckt ganz und gar nicht gut und ich habe nach schon einem 0,3 l Fläschchen Kopfschmerzen. Zum Glück kommt langsam das Essen und Arno beschließt, zum Essen einen Wein zu trinken. Schon wieder danke ich Gott für Arno und bestelle sogleich auch einen Wein, zum Rind natürlich einen roten..
Auf einmal kommt wieder dieses dumpfe Geräusch, gefolgt von einem alles übertönenden und von überall her zu hörenden „Aaahhhh“. Es klingt ein wenig wie an Silvester, wenn man erwartungsvoll und freudig gen Himmel schaut, das Feuerwerk bestaunt und voller Überraschung ein lautes „Aaahhhh“ von sich gibt. Hier ist einfach nur wieder Stromausfall. Alles ist schwarz, bis auf die Tischkerzen und die überall herum flackernden Mobiltelefone. Jetzt fehlt nur noch eine große Torte mit Wunderkerzen, aus der ein Überraschungsgast für ein Geburtstagskind hüpft. Aber hier scheint gerade niemand Geburtstag zu haben, und sogleich springt auch schon der Stromgenerator des Javas an. Dan regt sich lauthals mit Worten auf, die ich hier besser nicht wiedergebe. Schließlich habe ich auf dieses Internettagebuch keine Altersbeschränkung erhoben. Der Teil, den man zitieren kann, ist die Frage, wo wir denn hier lebten. „In Afrika“, unterrichtet uns der freundliche Herr am Nebentisch und legt seine Zeitung aus der Hand, da es zum Spiegellesen jetzt etwas zu dunkel ist.
Was war das? Ein Spiegel? Ich bin entzück, eine deutsche Zeitschrift zu erblicken und beschließe, den Herren am Nebentisch zu fragen, woher er denn den Spiegel habe. Als wieder Normalität im Restaurant herrscht, klinke ich mich kurz aus unserem Gespräch aus. Dan und Arno meinen wohl ich müsse für kleine Maties und die beiden gucken doch etwas verdutzt, als ich den Herren am Nachbartisch aus der Luft heraus anspreche. Auf Deutsch begrüße ich ihn und sage, dass ich davon ausgehe, er verstünde, seiner Lektüre wegen, doch sicherlich Deutsch. Akzentfrei antwortet er mir und erklärt mir, dass er hier in Stellenbosch schon eine Weile wohne, ursprünglich aber aus Deutschland komme. Er möchte wissen, warum ich hier sei. Ich erkläre es ihm und, wie jeder dem ich das sage, finde er es sehr spannend. Nun nenne ich ihm den Grund für meinen kleinen Überfall. „Wo gibt es hier den Spiegel?‟ „Bei einem Spar-Supermarkt (wo auch sonst?) ein Stückchen außerhalb, wenn man auf der Straße in Richtung Kayamandi, dem Stellenboscher Township, fährt“. Jeden Dienstag käme der „frische Stoff“ an. Klingt logisch, schließlich bin ich auch fast zwölf Stunden geflogen, also darf der Spiegel hier auch einen Tag Verspätung haben.
Ich bedanke mich bei dem Herren am Nachbartisch und geselle mich wieder zu meinen Jungs, denen ich auch gleich meine Aktion erkläre. Dan kennt den Spar. Leider ist es zu Fuß keine gute Idee dorthin zu gehen, werde ich aufgeklärt, aber Dan verspricht, bei Gelegenheit an mich zu denken und deutsche Ware für mich zu besorgen. Das Rind auf Nudelbett ist äußerst wohlschmeckend und wird von den Spaghetti mit Paprika und der leckeren Soße perfekt abgerundet. „Der Tipp war prima“, bedanke ich mich bei Dan. „Plesha!“
Nach dem Essen wollen die beiden rauchen und wir setzen uns deswegen nach draußen. Auch in Südafrika ist das Rauchen in Lokalen verboten, jedoch hält sich hier im Gegensatz zu Deutschland jeder an das Gesetz. Verdrehte Welt!
Mittwoch, 16. Januar 2008
16. Januar 2008
Irgendwann am späten Vormittag klingelt mein Telefon. Es meldet sich auf Deutsch ein gewisser Robert. Er habe meine Nummer von Alet aus dem internationalen Büro, ob ich nicht zufällig eine Bleibe wisse. Tue ich natürlich nicht, aber ich könnte ja mal Arno fragen. Da ich weiß, wie grauenvoll seine Situation gerade ist, biete ich ihm an, einen Kaffee trinken zu gehen. Er nimmt freudig an. 30 Minuten später treffen wir uns vor dem internationalen Büro und wir holen uns einen Kaffee zum Mitnehmen bei einem nahe gelegenen Kaffeeladen. Wir setzten uns auf dem Kampus in der flirrenden Hitze in den kühlen Schatten einer großen alten Eiche. Robert kommt aus Heidelberg, ist auch 81er Baujahr, studiert Geographie und hat schon einmal ein Semester hier in Stellenbosch und eines in Kapstadt studiert. Er kennt sich also aus und wohnt zur Zeit bei Freunden in Kapstadt. Zwar habe er ein Auto, aber jeden Tag zu pendeln ist ja auch nicht das Wahre. Also verspreche ich ihm, Arno zu fragen. Nach ein paar Minuten schlendern Alet und ihr Freund vorbei. Sie freut sich, dass wir Kontakt zueinander aufgenommen haben und schon zusammen „rumhängen“, wie sie es nennt. Sie „chille“ auch gerade. „C U guys!“ Wir beide befinden Alet für klasse.
Robert berichtet mir von seinen Wohnungsbesichtigungen. Es war wohl grausam. Das Zimmer der Dame, die mir die Telefonnummer der Herberge am A..., äh, anderen Ende des Dorfes gab, wäre wohl die Art Zimmer, die man freiwillig nicht nehme. Nur unter Zwang oder Folter sei die Bude auszuhalten. Nachdem wir eine ganze Weile geplaudert haben, verabschieden wir uns. Er habe noch einen Wohnungstermin. Ich wünsche ihm natürlich viel Erfolg dabei und bei der weiteren Suche. Zurück in meinem Büro sende ich drei Stoßgebete gen Himmel für Arno!
Dienstag, 15. Januar 2008
15. Januar 2008
Da ich gestern am Telefon im Gespräch mit den Joubert Straat Jungs verstanden habe, dass sie irgendwelche technischen Probleme haben (wahrscheinlich kein Strom), habe ich am Montag in Bezug auf mein Internet-Problem nichts mehr unternommen. Heute, denke ich, wäre es aber schon ganz nett, mal mit meinem Mac ins Netz zu können. Also marschiere ich zu Joubert Straat. Nachdem natürlich zuerst niemand wirklich Zeit und Lust hat mir zu helfen, findet sich doch ein gewisser David, der sich meiner annimmt. Er versucht diverse Male, über W-LAN ins Netz zu kommen. Es klappt nicht. Irgendetwas ist da nicht ganz wie es sein sollte. Also versucht er es mit einem Kabel. Zur Not soll mir das auch recht sein. Er tippt ein paar Befehle in meine Systemeinstellungen, die ich niemals erraten hätte und voilà, mein Browser lädt Google als Startseite. Ich bin beglückt.
Noch befürchte ich, dass es nur hier funktioniere, aber David gibt mir die Telefonnummer von Joubert Straat, die ich zwar schon habe, und sagt, ich solle nach ihm verlangen, falls es an meinem Arbeitsplatz nicht klappe. Werde ich tun, drohe ich. Ich verlasse Joubert Straat und laufe die Merrimanlaan hinunter zum Letteregebou. Zurück in meinem Büro schließe ich meinen Mac an und es klappt. Halleluja!
Sofort rufe ich kurz meine Eltern an, damit sie ihren Computer anschalten und wir Skype ausprobieren können. Skype ist ein kleines Progamm, mit welchem man, wenn man am Internet hängt, über ebendieses telefonieren kann. Es gibt den Telefonierenden sogar die Möglichkeit, eine Kamera anzuschließen um sich beim Gespräch in die Augen schauen zu können. Fünf Minuten später quatschen meine Eltern und ich was das Zeug hält. Schöne neue Welt.
Montag, 14. Januar 2008
14. Januar 2008
Am Montag in der Früh versuche ich mit meinem Rechner ins Internet zu kommen. Auf dem Weg zum rufe ich bei den Jungs von Joubert Straat an, vielleicht können die mir kurz einen Trick verraten. Ich werde ungefähr zehn Mal weiterverbunden und immer darf ich mein Geschichtchen von meinem offline Mac erzählen. Keine weiß so recht, was man da machen kann. Als ich mir denke, dass mir am Telefon eh nicht zu helfen ist, bedanke ich mich bei meinem momentanen Gesprächspartner und dann höre ich am anderen Ende das Wort, das mich hier noch ein wenig begleiten soll „pleasure“. Das südafrikanische „pleasure“ ist allerdings vom standardsprachlichen britischen „pleasure“ phonologisch klar zu unterscheiden. Es klingt eher wie „plesha“.
Ich versuche mein Onlineglück auf eigne Faust. Keine Chance. Irgendetwas hakt. Ich spiele solange in den Systemeinstellungen meines Rechners herum, bis ich beinahe den Termin mit Rufus verschwitzt hätte. Ich komme aber noch rechtzeitig. Rufus empfängt mich wie immer sehr herzlich und fragt ob auch wirklich alles in Ordnung sei und ob keine neuen Schwierigkeiten mit der Unterkunft aufgetreten seien. Nein, alles bestens, versichere ich ihm. Bis auf das Onlineproblem, aber da kann er mir bestimmt auch nicht helfen, das kann wohl niemand. Wir reden eine ganze Weile über meine Arbeit im Allgemeinen und über Perspektiven meiner Arbeit. Er ist sehr angetan und sagt, dass er mich unbedingt ein paar Leuten hier vorstellen möchte. Bislang gibt es noch keine linguistisch annotierten Corpora für das Afrikaans und eigentlich bestünde schon Bedarf. Also, ran ans Werk.
Im Februar und März ist für gewöhnlich Prof. Bergenholtz aus Århus, Dänemark, in Stellenbosch im Rahmen einer Gastprofessur. Zur Zeit stünde jedoch Prof. Begenholtz' Büro leer und ich könne es benutzen. Cool! Wir gehen zu Frau Roos, der Sekretärin der Abteilung. Sie sei die gute Fee und könne bei (fast) allem helfen. Sie ist sehr nett und droht an, mit mir Afrikaans zu sprechen. Endlich kann ich üben! Rufus führt mich in „mein“ Büro – es ist drei Zimmer neben seinem – und er bietet an, jederzeit bei ihm oder Frau Roos vorbei zu kommen; falls ich Fragen, Wünsche oder Probleme haben sollte.
Das Büro ist zwar nicht besonders grandios, aber es ist erst einmal mein eigenes Büro. Zwei nebeneinander gerückte Schreibtische. Auf dem linken steht ein Rechner und ein Drucker. Den rechten Platz beschlagnahme ich. Außerdem stehen eine Unmenge Bürostühle und ein Haufen Kruscht in der hinteren Ecke des Raumes, aber das stört mich keinesfalls. Ich richte mich häuslich ein, bestaune die tolle Aussicht und fühle mich erst einmal eine Weile einfach nur wohl. Den Schlüssel begutachte ich wie ein kleiner Junge, der gerade einen Riesenlutscher geschenkt bekommen hat. Ich befestige ihn an meinem Schlüsselbund mit dem coolen elektronischen Toröffner zu „meiner“ Wohnung. Klasse!
Ach ja, da war ja noch etwas: die List mit gestohlen Gegenständen will zur Polizei gebracht werden. Ich habe am Wochenende ja schon angefangen, diese zu erstellen. Mit der Registrierungsnummer meines Mobiltelefons, welche mir meine Eltern zugeschickt haben, komplettiere ich den Wisch. Louiskitt hat mir letztens einen Zettel mit seiner und der Telefonnummer eines Inspektor Gouws mitgegeben (ich habe Rufus gefragt: sie sind nicht verwandt; zumindest weiß er von nichts). Ich rufe dort an. Ich werde auf Afrikaans begrüßt, aber da ich mich noch nicht verhandlungssicher im Afrikaans einschätzen würde, antworte ich englisch. Alle Südafrikaner sind zum Glück der englischen Sprache derart unterwürfig, dass man auf jede Frage oder Aussage in irgendeiner der anderen zehn Amtssprachen auf Englisch antworten kann. Der Gesprächspartner wechselt sofort in die Sprache von McDonald's, CocaCola, Hollywood und George W. Man ist ja schließlich weltoffen. Also lasse ich mein beitetes Ämärikäninglisch raushängen und verlange nach Inspektor Gouws. Mir wird dargelegt, dass ich am Mittwoch wieder anrufen solle. Da sei Inspektor Gouws wieder im Büro. Also doch nicht ganz so amerikanisch. Ich reduziere meinen amerikanischen Akzent und berichte von meinem Problem. Ganz höflich frage ich, ob es denn unbedingt dieser Inspektor Gouws sein müsse. Schließlich habe ich mit ihm ja noch nichts zu tun gehabt. Irgendein anderer Offica würde auch helfen können. Ich verstehe nicht so ganz, was mir gesagt wird und merke, dass ich wohl oder übel persönlich zur Wache gehen muss. Verwirrt bedanke ich mich und höre: „plesha“. Grrrrr ...
Dieses Mal finde ich den Vordereingang. Er ist eigentlich gar nicht so schwer zu finden, aber wahrscheinlich war ich zu aufgeregt, als dass ich mich damals hätte richtig orientieren können. Ich gehe durch diverse (unbewachte und verlassene) Tore und Sicherheitsschranken mit dem wohl einsamsten Pförtnerhäuschen, das ich jemals gesehen habe. Dann betrete ich die Polizeidienststelle; diesmal von der richtigen Seite. Als ich nach gefühlten drei Stunden Wartezeit endlich an der Reihe bin, komme ich zu einem sehr netten schwarzen Polizeibeamten. Dass er schwarz ist, bräuchte ich eigentlich nicht zu erwähnen: alle sind hier schwarz. Und ich habe zum ersten mal das Gefühl auf Grund meiner Hautfarbe isoliert zu sein. Ein komisches Gefühl, das mir zu denken gibt. Nichtsdestominder erzähle ich mein Geschichtchen zum x-ten Mal und werde gebeten, ebendieses dem Gentleman hinter der Holztüre erneut zu berichten. Dass hinter dieser Holztüre nichts arg böses lauert weiß ich ja bereits vom letzen Mal ... Also gehe hindurch und will gerade zu dem braunen Gentleman, als sich urplötzlich eine ältere indische Frau ganz aufgeregt vordrängelt. Nachdem Inspektor Gentleman diese abgefertigt hat, komme ich an die Reihe. Ich fange gerade an zu erzählen, da platzt ein sonnengebräunter Weißer Marke „Lässiger Surfer“ herein und beschwert sich, dass dieses Fingerabdruckskommando ausgerechnet dann komme, wenn er arbeiten müsse. Und dann hat der Beachboy noch eine Reihe anderer Probleme, die er ausgerechnet jetzt mit Inspektor Gentleman zu diskutieren meint. Dieser lässt sich scheinbar gerne auf die Diskussion ein. Um was es genau geht, verstehe ich nicht so ganz. Es dauert nur ewig. Ich warte. So langsam fangen diese Crocs-Latschen des Surfertyps an, mich extrem zu nerven. Ruhig bleiben, immerhin bin ich auf einer Polizeidienststelle in einem fremden Land.
Als Inspektor Gentleman endlich für mich Zeit hat, ist er sehr nett zu mir und bedauert das, was mir geschehen ist. Er kramt in seinen Akten und drückt mir einen zum 300. Mal fotokopierten Vordruck in die Hand, wohinein ich alle geklauten Gegenstände schreiben soll. Er bittet mich einstweilen nach draußen, damit er weiterarbeiten kann. Ich setzte mich in den „Warteraum“ der Wache und beginne die Liste zu übertragen. Von sauber geordnet nach schlampig kopiert. Als ich fast fertig bin, kommt Constable Williams auf mich zu und bietet mir an, dass ich zum Ausfüllen nicht hier bleiben müsse. Ich sage, dass ich fast fertig bin und es kein Problem sei, das auf der Wache zu erledigen. Aber er schien so über mein Wohlergehen besorgt zu sein und mir diverse Male erklärte, dass ich nur anrufen müsse, dann kämen die Officas zu mir nach Hause uns nähmen dann meinen Fall auf und um endlich so eine Akte zu erstellen. Also gehe ich für die restlichen zwei Zeilen nach Hause.
Daheim angekommen schreibe ich die zwei Zeilen fertig und rufe bei der Polizei an. Man sagt mir, ich solle vorbeikommen. Nein Jungs, ich will Constable Williams sprechen. Man überreicht mich ihm. Natürlich erinnert er sich an mich. Ich sage, ich sei fertig und die Officas könnten nun kommen. In zehn Minuten seien sie bei mir.
56 Minuten später fährt gemütlich ein Polizeilaster in die enge Einfahrt. Die Officas begrüßen mich und ich führe sie in die Lounge, wo ich ihnen ein kühles Getränk offeriere. Sie nehmen gerne an. Der eine scheint nichts zu sagen zu haben und hat nur zu dokumentieren. Chefoffica interviewt mich; mit ihm führe ich die Hauptkonversation. Er fragt, woher ich komme da ich so klares Englisch spreche (im Vergleich zum Englischen hier ist meines wirklich prima). Deutschland ist meine Antwort. „Great Football Championship“, höre ich. Schon gut, habt ihr ja auch bald.
Nachdem wir fertig sind und die Officas alles akribisch mitgeschrieben haben, frage ich, ob sie noch etwas trinken möchten. Sie sind sitt. Mir scheint als ob der Unterofficia mehr geschrieben hat, als Oberoffica und ich gesagt haben. Der Aktenschimmel ist eben nicht nur in Deutschland weit verbreitet. Oberoffica erklärt mir, dass ich in zirka zwei Stunden anrufen könne und dann eine Aktennummer erhalte, mit der ich alles weiter regeln könne zu diesem Fall. Klingt logisch. Ich könne dann sogar mitten in der Nacht zur vorbeikommen und nachfragen, wie die Ermittlungen zu meinem Fall stünden. Bei der Polizei habe man 24 Stunden auf. Beruhigt mich. Ich bedanke mich und sage dass ich mich wegen der Nummer melde. Mein Telefon sehe ich nie wieder.
Oberoffica dirigiert Unteroffica mit dem Polizeitruck aus unserem engen Hof. Naja, Paris Hilton hätte es bestimmt nicht schlechter gemacht. Als die Officas gegangen sind, haben wir wieder einen Stromausfall. Also gehe ich zur Uni, wo in solchen Fällen ein Generator für Elektrizität sorgt. In meinem Büro arbeitet es ich prima.
Sonntag, 13. Januar 2008
13. Januar 2008
Der Sonntag ist recht unaufregend. Welch ein Segen! In der Früh gehe ich bei Wimpy etwas frühstücken und dann an die Uni: E-Mails, Spiegel-Online, Wikipedia, YouTube. Das macht süchtig! Auf dem Rückweg hole ich die Klamotten ab, die für mich zurückgelegt wurden. Tatsache. Der Verkäufer erinnert sich an mich und wir plaudern kurz über diese lästigen Stromausfälle, ich bezahle und verlasse den Laden. Ja, am Sonntag. Zwar haben die meisten Geschäfte nur am Vormittag offen, aber immerhin.
Arnos hat sich gleich zu Anfang dafür entschuldigt, dass seine Waschmaschine noch nicht installiert ist. Im ersten Moment war mir das auch ziemlich Schnuppe, Hauptsache war, ich bekomme das Zimmer. Aber mit der Zeit frage ich mich schon wie ich hier am besten meine Kleidung waschen soll. Arno ist unterwegs und ich kann ihn nicht fragen. Also versuche ich am Nachmittag Wäsche zu waschen. Schließlich wärmen meine T-Shirts, mein Hemd und meine tolle braune Hose gerade ein argentinisches Waisenkind – zumindest rede ich mir das ein, damit ich mich nicht so aufrege – und irgendwann gehen die frischen Klamotten bestimmt aus. Vorsorglich habe ich mir ein bisschen Waschpulver besorgt, das auch zur Handwäsche geeignet ist. Es hat um die 3 Rand gekostet; 30 Euro-Cent für ein Paket Waschpulver. Das nenne ich faire Preise. Ich lege meine Oberteile in die Seifenlauge im Waschbecken und knete die Kleidung etwas durch. Es funktioniert wunderbar und ich bin ein bisschen stolz auf mich. Als ich fertig bin kommt Arno und fragt, was ich da treibe. Es empfiehlt mir den Trockenplatz hinter dem Garten um meine Sachen aufzuhängen und etwas amüsiert von meiner Aktion erklärt er mir, wie er Wäsche wasche, bzw. wo er seine Wäsche waschen lasse. Ganz in der Nähe gibt es eine Wäscherei – Washington CD. Eine Ladung Wash & Fold für 29 Rand. Das ist akzeptabel denke ich und beschließe, das in Zukunft auch dort machen zu lassen. Auf Neudeutsch würde man das sicherlich Private Service Outsourcing nennen.
Samstag, 12. Januar 2008
12. Januar 2008
Ich kann zum Glück in Humarga meine E-Mails an den lokalen Rechnern abrufen. Meinen Laptop über das Funknetz ins Internet zu hängen, klappt natürlich nicht. Und natürlich ist samstags auch niemand von den Jungs in Joubert Straat erreichbar. Also muss ich das Wochenende über etwas improvisieren. Den frühen Vormittag bringe ich auch schnell mit E-Mails, Spiegel-Online, Wikipedia, YouTube, usw. über die Runden. Schließlich arbeite ich auch noch ein wenig an meinem Tagset und stapfe zu Wimpy, einer Art McDonald's. Nur scheint das Angebot etwas umfangreicher zu sein. Wimpy befindet sich in der Eikestad Mall, einem zweistöckigen Einkaufszentrum mit Läden für alles, was man so braucht. Man bestellt bei Wimpy nicht am Schalter und wackelt dann mit seinem Tablett an einen Tisch, nein, man wird bedient und ein weißer „Aufseher“ passt wie ein Fuchs auf, dass seine braunen und schwarzen Ladys auch zügig zur Stelle sind. „Wurden sie schon bedient?“, „Wurden Sie freundlich bedient?“ oder „Schmeckt Ihnen das Essen?“, fragt er beim Herumgehen gerne die Gäste. Als ich etwas verwundert über diesen Service in einem Schnellrestaurant freundlich nicke und erwidere, dass wirklich alles zu meiner vollsten Zufriedenheit ist, möchte er wissen, woher ich komme. „Deutschland, Stuttgart“, sage ich, „Sie wissen schon, Mercedes, Porsche und Bosch“. Er möchte wissen, was ich hier mache und ich erkläre es ihm. Auch meine Erfahrung mit der Kriminalität lasse ich nicht aus. „Ja, ja, so ist das eben, hier, in Afrika!“, sagt er und schaut seine schwarze Angestellte abfällig an. Dass ich sicherlich nicht von ihr, die mir weitaus sympatischer erscheint als Mr. Sklaventreiber, beraubt wurde, sondern von irgendeinem Backpacker-Poes aus Argentinien, würde an seiner Meinung bestimmt nichts ändern. Also bin ich still und beiße in meinen Wimpy-Burger. Schwere Kost!
In der Eikestad Mall befindet sich auch ein Supermarkt, der fernab von deutschen verkaufsstrategisch optimiert platzierten Regalen, sehr chaotisch eingerichtet erscheint. Keine klar identifizierbare Lebensmittelabteilung, keine Non-Food-Abteilung, alles irgendwie durcheinander. Die Gänge sind ewig lang und wenn man etwas bestimmtes sucht, so muss man eben die ganzen Gänge durchlaufen. Aber es ist lustig, zu sehen, was es hier so gibt. Eigentlich alles. Lebensmittel, Grillzubehör, Toilettenartikel, Spielsachen, ... Aber keinen gescheiten O-Saft, entweder gesüßt oder gemixt mit Apfel: furchtbar. Vieles ist aber gleich und einiges ist dann doch anders. Die Kassen haben beispielsweise keine Laufbänder und überall wird einem der Einkauf in Tüten eingepackt. Auch der Gemütlichkeit wird hier sehr ausgiebig gefrönt. Unglaublich, dass „Gemütlichkeit“ kein Wort des Xhosa ist.
Xhosa (eigentlich isiXhosa genannt) ist im Übrigen die Sprache der schwarzen Bevölkerungsgruppe hier in der südafrikanischen Westkapregion. Zwar sprechen alle auch Englisch und Afrikaans, aber untereinander wird Xhosa gesprochen. Eine Eigenheit der Bantusprachen, wozu Xhosa gehört, sind die Klicklaute. Für europäische Ohren gänzlich unbekannt, klingt so ein Klicklaut recht lustig. Man muss sich z.B. den Laut „x“ vorstellen, wie das Zungeschnalzen beim Reiten. Im Fachjargon heißt er „lateral click“, da er seitlich mit der Zunge produziert wird. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Klicks, u.a. „c“, was sich anhört wie das zungenschnalzende Tadeln eines jungen, ungezogenen Lausbuben. Aber ich schweife ab.
Ich beschließe, noch eine kurze Hose und ein paar T-Shirts zu erstehen, da Poes-José ja auch davon etwas brauchen konnte. Ich gehe in einen recht coolen Klamottenladen und finde schnell ein paar nette Sachen, die auch wunderbar passen. An der Kasse angekommen ertönt urplötzlich ein dumpfes Geräusch und dann ist alles dunkel. In einem Einkaufszentrum dieser Art gibt es ja für gewöhnlich keine Fenster. Es bricht gelassene Panik im Laden aus und alle fuchteln plötzlich mit ihren Mobiltelefonen herum um Licht zu machen. Der Mann hinter an der Kasse gibt mir meine VISA-Karte zurück und sagt: „Sorry Sir, we have no power. I keep this for you.“
Stromausfälle sind in Südafrika wohl ein modernes Problem geworden, seit in der Regierung vor ein paar Jahren falsche Entscheidungen getroffen wurden, wie mir gesagt wurde, und zu wenig Kraftwerke existieren um alle Klimaanlagen und sonstige Stromfresser mit genügend Energie zu versorgen. Also tapse ich mit meinen sieben Sachen nach draußen und setze mich in ein Café um etwas zu trinken. Der Kaffee ist noch heiß, jedoch entschuldigt sich die Kellnerin zutiefst dafür, dass sie mir sonst nichts anbieten kann. „Sorry Sir, we have no power.“ Nach meinem Kaffee schlendere ich im strahlenden Sonnenschein nach Hause. Zum Glück geht die Sonne nicht so schnell aus, denke ich mir und genieße den warmen Sommerwind des Indischen Ozeans.
Alsbald holt mich auch schon mein Professor zum Ausflug ab. Wir fahren nach Strand, einem Surferdorf am Meer, das ungefähr 20 km südlich von Stellenbosch liegt. Auf dem Weg dorthin bietet mir mein Professor mir das Du an: Rufus. Rufus ist es immer noch sehr unangenehm, dass ich in der Unterkunft gleich am ersten Tag ausgenommen wurde und ich versichere ihm, dass das jetzt eben geschehen sei und er doch überhaupt nichts dafür könne. Das tröstet ihn und wir reden recht nett über dies und das in Südafrika. Unter anderem auch über die Stromausfälle. Auch diese sind ihm überaus unangenehm und ich plädiere dafür, dass dies doch für Südafrika die Gelegenheit sei, um auf regenerative Energieressourcen umzusteigen. Er stimmt mir zu und bedauert nicht am Entscheidungstisch zu sitzen. Recht hat er!
Wow, der Ausblick auf den Ozean von der Straße aus ist bezaubernd. Lediglich die Hotelsilos im Mallorcastil stören die Idylle des Ortes am Meer. Rufus parkt und wir spazieren barfuß durch den herrlich warmen Indischen Ozean. Schade, dass ich zum Arbeiten gekommen bin.
Auf dem Rückweg nach Stellenbosch gibt mir Rufus eine kleine Übersicht über die Bevölkerungs- und Sprachensituation in Südafrika. Es gibt elf Amtssprachen: Englisch und Afrikaans als die Sprachen der weißen Einwanderer. Daneben gibt es neun amtliche Bantusprachen: isiZulu, isiXhosa, Siswati und isiNdebele, die zur Gruppe der Nguni-Sprachen gehören, sowie Setswana, Sesotho und Sepedi, die zu den Sotho-Sprachen gehören, außerdem gibt es noch Xitsonga und Tshivenda.
In der Westkapregion (und fast überall im Land) spricht man „Englisch“. Afrikaans sprechen vor allem im Westen Südafrikas hauptsächlich die Braunen und Weißen. Die Schwarzen sprechen zwar hier auch oft Englisch und Afrikaans, ihre Muttersprache ist aber meist Xhosa oder Zulu. Die anderen Sprachen werden stattdessen in den anderen Provinzen vorwiegend von den Schwarzen gesprochen. Dies führt auch zur Erklärung von – politisch korrekt – schwarz, braun und weiß; für Südafrika immer noch ein schwieriges Thema. Die Schwarzen seien die „Ureinwohner“, was so ganz wohl auch nicht stimme, da sie vor ein paar Hundert Jahren aus dem Norden hierher gekommen seien und die eigentliche Bevölkerung Südafrikas, die San und Khoikhoi, fast gänzlich verdrängt haben. Die Braunen seien wohl zum Teil Nachfahren der San und Khoikhoi, bzw. Nachfahren der ersten europäischen Siedler und deren Sklaven. So ganz verstehe ich das zwar noch nicht, aber da bin ich sicherlich nicht allein. Woher die Weißen kommen ist ja klar. Stichworte: 17. Jahrhundert, Vereenigde Oostindische Compagnie, Buren, British Empire, Apartheid, etc.
Wir machen Halt an einem wirklich tollen Weinberg und Rufus entschuldigt sich schon wieder dafür, dass er mir „nur“ den Hauswein bestellt hat. Er ist köstlich und wir plaudern schon ein wenig über seine und meine Arbeit. Gespannt lausche ich und jetzt wird mir klar: der Aufenthalt hier wird sich definitiv lohnen, der Mann ist genial. Rufus bringt mich zurück zu meiner Wohnung und wir machen einen Termin aus für Montag, 10 Uhr. Ich freue mich.
Am Abend gehe ich mit Arno aus. Zuerst trinken wir ein Bier und essen ein leckeres Steak. Dabei reden wir sehr viel und er erklärt mir seine Situation: Beziehungsstress, usw. Er wolle mich eigentlich als Versuchskaninchen missbrauchen. Er hat die Wohnung neu gemietet und will testen ob er WG-tauglich ist. Zwei Monate seien im schlimmsten Falle ja auszuhalten, aber bislang fände er mich ganz prima. Nach dem Essen gehen wir noch ins „De Akker“ die wohl älteste Beiz südlich des Äquators auf dem afrikanischen Kontinent: cool. Ein bisschen wie das Hozti. Ich treffe dort noch eine Menge seiner Freunde, u.a. Liz, die auch schon eine Weile in „Disseldoof“ gelebt hat und daher auch recht gut Deutsch spricht. Denkt sie zumindest. Ein wenig beschwippst schlendern am späten Abend Arno und ich die Dorp Straat entlang nach Hause.
Freitag, 11. Januar 2008
11. Januar 2008
Meine erste afrikanische Nacht verlief soweit reibungslos und ich mache mich mit all meinen Habseligkeiten auf den Weg zur Uni. Unterwegs hole ich mir noch schnell so ein Kartentelefon zum Aufladen, wozu mir Alet geraten hat: „Das brauchst du hier zum Überleben!“. Auf meinem Plan steht, alle Punkte abzuarbeiten, damit ich dann doch irgendwann mit der Arbeit beginnen kann. (1) Studentenausweis machen lassen, (2) Rechneranmeldung beantragen und (3) Laptop onlinefähig machen. Leichter gesagt als getan. Den Studentenausweis bekomme ich nach ein bisschen Warten an der falschen Schlange dann doch recht problemlos. Leider wissen die Jungs nicht, wie man ihn für die Türen aktiviert, wo ich immer rein und raus muss. Also geht das Gerenne los. Irgendwann denke ich, dass ich Punkt (1) erstmal halbfertig überspringe und zu Punkt (2) übergehe. Bei Humarga, wie hier in Stellenbosch mein zuständiges Rechenzentrum heißt, wird mir gesagt, dass ich erst am Montag über meinen Account verfügen können werde. Ungeduldig versichere ich der Lady, dass ich am Wochenende arbeiten möchte und es doch toll wäre, wenn es jetzt schon ginge. Nach einem Lächeln geht es. Und mit einem zweiten Lächeln kann sie mir auch meinen Studentenausweis für die Zugangskontrollen für Humarga aktivieren. (1) und (2) erledigt. Nun gehe ich in die Joubert Straat, wo mein Rechner fit fürs Internet gemacht werden soll. Die Jungs dort wollen meinen Rechner dabehalten. Ich bekomme Panik! Was, wenn José hier arbeitet? Als mir eine sehr nette Dame versichert, dass das nun eben nötig sei und mir einen offiziellen Registrierungs- und Abholschein für meinen Rechner in die Hand drückt, gebe ich mich geschlagen. Ich hinterlasse meine Telefonnummer: nur für den Fall der Fälle.
Ich gehe zu Alet in Büro und treffe dort auf meinen Professor. Er ist außer sich vor Sorge und sehr bemüht, mir zu helfen eine gescheite Bleibe zu finden. Aber leider weiß er gerade auch nichts. Wir tauschen Telefonnummern aus und dann muss er leider auch schon wieder los. Alet bietet mir an, ihren Computer und ihr Telefon zu benutzen um eine Wohnung zu suchen. Kaum sitze ich wieder bei Alet im Büro und berichte von meinen Erfolgen, klingelt auch schon mein neu erworbenes Handy. Die Jungs aus Joubert Straat wollen ein Programm installieren und benötigen dazu mein Sicherheitspasswort. Ein kryptisches Passwort auf Englisch zu buchstabieren ist gar nicht so einfach, wenn gerade eine Horde wilder amerikanischer Austauschstudenten das Büro betreten. Es kehrt etwas Ruhe ins Büro ein und ich finde über eine Kontaktliste der Internetseite der Uni ein paar Wohnungsanzeigen mit Telefonnummern. Die meisten gehen nicht. Eine nette Dame muss leider verneinen, da sie jemanden für mindestens sechs Monate sucht, aber eine Freundin habe eine ganz nette Herberge, wo ich bestimmt eine Unterkunft für zwei Monate finden könne. Sie gibt mir deren Nummer.
Auch diese junge Dame ist sehr nett und gibt mir ihre Adresse: 8 Dorp Straat. Alet meint, die Gegend sei prima! Als ich mich auch den Weg dahin mache, merke ich, dass die Dorp Straat etwas länger ist und die Nummer 8 ganz am anderen Ende des Dorfes liegt. Und ausgerechnet hier erscheint mir die sonst wirklich gut gelegene Dorp Straat nicht mehr so ganz sicher. Ich betrete zögerlich die Herberge und lasse mir von der sehr charmanten jungen Blondine das freie Zimmer zeigen. Das Zimmer ist straßenseitig und ebenerdig: Minuspunkt. Es kostet rund 7600 Rand für zwei Monate. Ich denke, dass das etwas zu teuer ist, dafür dass es so außerhalb und extrem weit von der Uni entfernt ist. Sie meint es sei gar nicht so weit, ich sei nur falsch gelaufen. Ja klar! Ich frage nach dem Sicherheitsaspekt und sie versichert mir, dass Diebstähle in ihrer Herberge ganz bestimmt nicht vorkämen. Nur einmal sei ihr Laptop aus ihrem Büro geklaut worden. In Panik verlasse ich die Herberge.
Sehr verzweifelt und meinen letzten Notnagel verrostet abbrechen sehend resigniere ich und bin für einen Moment sehr verzweifelt. Auf meinem Weg zurück laufe ich wieder durch die Dorp Straat zurück und finde an der Ecke Meul Straat ein kleines und von außen sehr nett anmutendes Gästehaus, das ich auch schon aus dem Reiseführer Lonely Planet kenne. Bereit alles zu zahlen, betrete ich es und frage nach einem Zimmer für meinen Aufenthalt in Stellenbosch. Die Dame dort kann mir leider keine Auskunft geben, da ihr Chef gerade zu Tisch sei. Sie ruft ihn an und spricht kurz mit ihm auf Afrikaans. Schon am Gesichtsausdruck verstehe ich, dass das hier wohl nichts wird. Der Verzweiflung noch näher will ich gerade die Herberge verlassen, als das Mobiltelefon der Herbergsangestellten klingelt. Sie sagt, es sei für mich. Es ist ihr Chef, der mir ein Angebot macht: nicht in seiner Herberge, sondern in seiner Privatwohnung könne ich für zwei Monate wohnen. Er suche gerade einen Mitbewohner. Ob ich Interesse habe? Und ob! Ja! Ich habe Interesse! Er erklärt mir, dass es auch in der Dorp Straat sei, Ecke Ryneveld Straat. Das ist fast im Zentrum, dort wo die tollen alten Ostindien-Kompanie-Häuser stehen. Ich bin begeistert und mache einen Termin mit ihm um 16 Uhr an der Ecke vor seinem Haus. Ich hole meinen Computer aus Joubert Straat ab (er ist noch da, Gott sei dank) und mache mich auf den Weg zu meiner Wohnungsbesichtigung.
Der Chef des Gästehauses „De Oude Meul“ (dt.: Die Alte Mühle) schländert lässig auf mich zu, begrüßt mich vor dem Haus und lässt mich durch diverse Sicherheitssysteme in seine Wohnung: ein Traum! Das Zimmer hier muss ich haben! Koste es was es wolle. Zentrale, uninahe Lage, sichere Gegend, tolles antikes Haus, cooler Typ. Dieser coole Typ stellt sich mir sogleich als Arno vor und präsentiert mir seinen Mitbewohner Albert (wie der Einstein) einen dicklichen und gemütlichen Perserkater. Er zeigt mir die Küche, das Bad, sein Zimmer, die Lounge und mein Zimmer. Das ist genial, denke ich und frage fast schon angstvoll nach dem Preis. So etwas muss schweineteuer sein. 2000 Rand im Monat. Gekauft!
Mein Koffer ist schnell aus dem iKhaya Backpacker geholt. Wie ich sehe ist alles noch da, was José nicht hat brauchen können. Weiß man ja hier schließlich nicht so genau. Arno hat mir gleich einen Schlüssel mit elektronischem Toröffner überlassen und stolz wie Oskar spaziere ich mit meinem Koffer in meine neue Wohnung. Es ist ein erleichtertes und unheimlich tolles Gefühl. Mit meinem neuen Telefon rufe ich sogleich Alet und meinen Professor an. Auch sie sind überglücklich. Mein Professor lädt mich auch gleich für den nächsten Tag auf einen kleinen Ausflug ein. Es scheint alles gut zu werden.
Donnerstag, 10. Januar 2008
10. Januar 2008
Ich wache während diesem Nachtflug sicherlich 20 Mal auf und schlafe wieder ein. Dummerweise hat der Tommys Dad vor mir herausgefunden, wie man die Rückenlehne nach hinten klappt, und zwar nicht nur ein bisschen. Ich experimentiere noch lange herum, bis mir dasselbe gelingt. Ob jetzt die Busenfreundin von Tommy Dad hinter mir noch genug Platz hat ist mir relativ egal als wir gerade den Tschadsee überfliegen und ich Totos „Africa“ vor mich hinsumme. Auf die Toilette zu gehen ist im Flieger, im Gegensatz zu einer Zugfahrt, der wahrste Luxus. Kein schlimmes Wackeln, keine ekligen Türklinken und Wasserhähnen und es gibt ausreichend Toilettenpapier. Nur die irische Damenmannschaft im, äh, ja was spielen die denn, im, äh, im Grüne-Sportanzüge-mit-der-Aufschrift-„Ireland“-Tragen verlängern hie und da die Wartezeit vor so einem Flugzeugklo.
Nachdem das Kabinenlicht wieder angeschalten wird und alle langsam aus einem sicherlich unbequemen Schlaf erwachen, machen sich Aaaaaacccchhh und Tackerlache daran, die hungrigen Passagiermäuler mit Breakfast zu versorgen und Kaffee, Tee und Saft auszuschenken. Ob ich jetzt wohl auch einen Gin Tonic bekommen könnte? Ich glaube ich müsste die grünen Ladys aus den Klos jagen.
Schon bald nähern wir uns unserem Ziel und man wird gebeten die Kopfhörer dem Bordpersonal zu übergeben. Also schalte ich auch den tonlosen Flight-infromation-Sender ein und schaue mir an, wo wir gerade sind. In meinem Display fliegt der überdimensionale Airbus A340-600 gerade über die großen Weiten der Namibwüste. Als wir zum Landeanflug auf Kapstadt ansetzen habe ich leider schlechte Karten was die Sicht anbelangt. Zwar fliegt der Pilot ein paar Extrarunden um den Tafelberg, aber leider sehe ich wegen meines Gangplatzes nur hin und wieder ein kleines Eckchen. Wir landen und die Türen des Fliegers öffnen sich. Es geht unheimlich schleppend voran; es dauert eben ein bisschen bis alle Amis ihre McDonald's, Burger King und Pizza Hut genährten Hinterteile aus der Maschine in den Bus bewegen, der uns zur Einreiseschalterhalle bringt. Jana tut mir jetzt noch mehr leid. Wenn ich jetzt in ihren Schuhe gehen müsste, würde ich wohl sterben. Mir sind ja meine geschlossenen Lederschuhe schon viel zu warm. Aber mit diesen betrete ich zum ersten Mal in meinem Leben afrikanischen Boden. Vor meinem inneren Ohr spielt Toto jetzt noch lauter ...
Natürlich ist die Warteschlange bei den nichtsüdafrikanischen Staatsbürgern um die 295 Personen lang; bei den südafrikanischen 5. Jana kommt also schneller aus ihren Schuhen, als ich zu meinem Besuchervisum. Die Dame am Schalter schaut mich dermaßen indifferent an, dass sie erst mal nicht versteht, dass ich ein Besuchervisum und kein Touristenvisum benötige. Ihr Kollege hilft ihr dann schließlich und sie drückt den Stempel durch.
Mit meinem Gepäck, was Gott sein dank nicht ohne mich nach Moskau sondern tatsächlich mit nach Kapstadt geflogen ist, stapfe ich in Richtung Ausgang. Jana verfolgt mich und hilft mir freundlicherweise bei der Suche nach meinem Abholer. Echt nett denke ich und erblicke einen Typen Marke „Vollmilchschokolade“ mit einem Schild in der Hand „SUN – Stellenbosch Universieit“. Der Name ist hier Programm.
Es fahren noch zwei andere Deutsche mit uns im Auto mit. Zu Anfang ist die Stimmung etwas dezent, aber als einer der beiden, den ich freundlicherweise habe vorne sitzen lassen, mit einem unglaublich starken deutschen Akzent beginnt, von seinem BWL-Studium zu erzählen, lächle ich freundlich und schalte auf Durchzug. Das Mädel neben mir auf der Rückbank begrüßt mich plötzlich herzlich und erzählt mir (auf Deutsch) dies und das über ihr Leben, was mich in diesem Moment wirklich nicht so stark interessiert. Aber wahrscheinlich braucht auch sie etwas Ablenkung von BWL. Als sie dann bekannt gibt, dass sie in Greifswald Theologie studiert und hier ihre Masterarbeit verfassen möchte, schalte ich auch hier auf Durchzug. Ich weiß jetzt schon nicht mehr,
wie sie heißt. Mir fällt auf, dass im Unterschied zu Deutschland hier mächtig viel los ist auf der Autobahn. Weniger auf den Fahrspuren, als vielmehr am Rand. Eine Familie nach der anderen und unterschiedlichste nichtmotorisierte Vehikel teilen sich den Randstreifen. In Deutschland würde in diesem Fall der Verkehrsfunk nur aus Warnungen über Fußgänger auf der Fahrbahn bestehen. Hier juckt das wohl keinen.
Bald schon erreichen wir Stellenbosch und mir fällt auf, dass am Ende jeder Weinrebe ein Rosenstock steht. Das nenne ich Liebe zum Detail, denke ich laut, woraufhin mir und den anderen von Mr. BWL erklärt wird, dass dies des Mehltaus wegen sei. Ok, wieder etwas gelernt. Dass die Rosen abwechselnd weiß und rot sind, hat bestimmt kein Zweck; das sieht einfach nur schön aus.
Das internationale Büro ist aufgrund der Tatsache, dass Stellenbosch ein Dorf und keine Stadt ist, schnell erreicht und etwas unsicher betrete ich das alte kapholländische Gemäuer. „Du musst mein Student Boris sein, richtig!? Ich bin Alet, komm rein, nimm Platz!“. Alet, Marke „Weiße Schokolade“, redet wie ein Wasserfall, aber irgendwie strahlt sie etwas sehr beruhigendes aus. Ich fühle mich willkommen und fange mit ihr an, mich für die Uni zu registrieren. Sie ist wirklich sehr bekümmert um mich und hilft mir über alle Maße, mich zurecht zu finden. Sie gibt mir Telefonnummern, Stadtpläne und Infos um mich zu orientieren. Ein wenig später muss sie zu einem Termin den sie beinahe verschwitzt hätte und der Chauffeur bringt mich zum Backpacker, wo ich erst mal ein paar Nächte bleiben soll. Ich checke ein und stelle fest, dass ich 0 Rand habe. Also gehe ich erst mal wechseln, zahle das Zimmer im Voraus und ein junges putziges Mädchen der Marke „Edelbitterschokolade“ zeigt mir mein Zimmer. Ein Mehrbettzimmer, wovon zwei Betten schon belegt sind. Das eine ist voller Kruscht, das andere scheint recht aufgeräumt zu sein. Ich suche mir ein Bett aus und deponiere mein Zeug dort, danach mache ich mich im angrenzenden Bad kurz frisch. Derweil betritt ein südamerikanisch aussehender Kerl den Raum. Er hat einen Schlüssel und stellt sich mir als José aus Argentinien vor. Als ich ihm erkläre, dass mein Name Boris ist und ich aus Deutschland kommen fragt er mich gleich nach Schalke, Fußball und Weltmeisterschaft. Er scheint ganz nett zu sein. Meinen Koffer verstaue ich derweil zusammen mit meiner Regenjacke im Schrank, verabschiede mich bei José und sage, dass ich zurück an die Uni muss. Er wünscht mir mit einem grausamen spanischen Akzent viel Erfolg und sagt, dass wir heute Abend über Fußball, Schalke und Weltmeisterschaft reden werden. Na, das kann ja heiter werden.
Auf dem Weg zurück zum internationalen Büro esse ich in einem sehr trendigen libanesischen Restaurant gefüllte Pfannkuchen. Mmmhhhh! Auf dem Weg zur Uni kaufe ich mir noch einen Stromadapter für Südafrika. Ein nette indische Gemischtwarenhändler verkauft mir einen für 6 Rand. Er versichert mir, dass das ein fairer Preis sei. Er hat recht, wie sich später herausstellt. Im Supermarkt sind sie doppelt und dreifach so teuer.
Alet begrüßt mich am Nachmittag und gibt mir eine kleine Campustour, zugleich weist sie mich in die lokalen Gepflogenheiten hin. Hört sich alles machbar an. Wir verabschieden uns und ich gehe zurück zu meinem Backpacker. Als ich das Zimmer betrete sehe ich, dass meine Badetasche fehlt, die ich auf mein Bett gelegt habe. Lediglich meine Zahnbürste und das Zeug für die Kontaktlinsen, sowie das Reisepaket an Wattestäbchen ist noch da. Ich denke mir im ersten Moment nichts und überlege mir, dass José sich das bestimmt kurz geborgt hat. Als ich den Schrank öffne, sehe ich die Bescherung auch erst auf den zweiten Blick. Zuerst fällt mir auf, dass meine olivgrüne Regenjacke fehlt und erst dann sehe ich das komplette Ausmaß der Katastrophe: dieses verdammte piep hat meinen Koffer geknackt und ein paar Sachen mitgehen lassen. Mein Mobiltelefon, einen iPod shuffle, eine externe Festplatte, einen kleinen Geldbeutel mit 15 Euro, eine braune Hose und ein braunes leichtes Hemd, sowie Sportklamotten. Ok, Sport treibe ich eh recht selten, aber ich telefoniere doch recht gerne, und Musik hören macht auch Freude. Im Moment der Panik gehe ich zum Besitzer des iKhaya Backpacker und berichte ihm in stotterndem Englisch, von meinem Problem. Dieser, sichtlich angetrunken und desinteressiert, schickt mich noch einmal auf mein Zimmer und sagt ich solle doch gucken, ob er es nicht irgendwo anders platziert hat. Hat José natürlich nicht. Ich frage die Mädels im Zimmer nebenan, ob sie in den letzten Stunden etwas bemerkt haben oder die Leute in meinem Zimmer kennen, aber diese erklären mir, dass sie erst vor zirka einer Viertelstunde wieder zurückkamen. Weshalb José bei denen nichts gemopst hat wird mir schnell klar: er hätte bei der Unordnung in dem Zimmer der Mädels nicht mal eine verrostete Randmünze gefunden. Die eine berichtet mir ganz aufgeregt, dass vor ungefähr zwei Minuten ein junger Mann in etwa meiner Größe den Gang entlang gelaufen ist: Das war ich, du Kuh!
Also gehe ich wieder zum iKhaya-Chef, der nur ganz abfällig sagt, dass ich dann eben zur Polizei gehen müsse. Das werde ich! Nur leider weiß ich nicht, wo sich diese befindet. Also frage ich ihn und die Wegbeschreibung, die er mir nach seinen fünf Bierchen gibt, kann man nicht mal als Sprecher seiner Sprache gut deuten. Immerhin verstehe ich die grobe Richtung und mache mich dahin auf den Weg. Als ich wild umherirrend fast verzweifelnd die Polizei immer noch nicht gefunden habe, beschließe ich, die Polizei kommen zu lassen. Ich finde ein öffentliches Telefon und rufe 10111 an, den südafrikanische Polizeinotruf. Nachdem mir zugesichert wird, dass jemand kommt, bin ich schon ein wenig beruhigter. Ich rufe Uwe mit dem „50 Rand World Call Universal Calling Voucher“, welchen ich mir glücklicherweise am Nachmittag noch organisiert habe, an und sage, er solle meine SIM-Karte sperren lassen. Er tut dies. Ich bekomme unheimlich Durst und hole mir gegenüber bei einem Schnellrestaurant eine kalte Limonade. Nach einer halben Stunde, einer gefühlten Unendlichkeit, ist noch immer keine Polizei vor Ort. Meine Nervosität kommt wieder und ich frage einen Passanten nach der Polizeidienststelle. Ich bin nur knapp 200 Meter davon entfernt. Auf dem Weg dahin muss ich durch eine recht unheimliche Gegend: die Straße führt hindurch zwischen einer verlassenen Sportanlage und dem Firmenparkplatz von BAT-Südafrika (Raucher müssten den Laden kennen). Ich finde die Wache; nur leider deren Vordereingang nicht. Der etwas seltsam anmutende Hintereingang muss es auch tun. Die vielen Polizei-LKWs verraten mir, dass ich richtig bin. Die Dame am Hintereingang schickt mich durchs Gebäude und sagt ich solle den Gentlemen dort mein Anliegen erklären. Diese staunen erst mal nicht schlecht, als ich von hinten kommend plötzlich mitten in ihrer doch recht uneuropäischen Polizeiwache stehe. Ein junger, sehr netter Polizist namens Louiskitt nimmt sich meiner an. Ich bitte ihn, die Privatnummer meines Professors herauszufinden, aber da stellt er auf stur. So etwas geht hier nicht! Ich habe zum Glück noch Alets Mobilnummer. Louiskitt ruf sie an und erklärt ihr alles. Er bringt mich zum iKhaya zurück und Alet verspricht auch umgehend dorthin zu kommen. Jetzt fragt man sich bestimmt, warum ich Alet nicht schon vorher angerufen habe? Die Antwort ist recht einfach: viele Südafrikaner schreiben eine 9 wie eine 4.
Zurück im iKhaya erklärt mir Louiskitt, dass ich eine Liste der gestohlenen Gegenstände anfertigen solle und dann zur Polizeiwache zurückkommen solle. Dann werde eine Akte für mein Fall gemacht. Louiskitt geht, Alet kommt. Sie veranlasst als erstes, dass ich in ein Einzelzimmer komme. Hätte ich vorher gewusst, dass es diese gibt, hätte ich wahrscheinlich schon früher eines genommen. Außerdem ordert sie zwei Bier: zur Beruhigung. Alet ist prima: sie redet mir gut zu und verspricht mir, am nächsten Tag zu helfen eine Bleibe zu finden. Außerdem bräuchte ich unbedingt ein südafrikanisches Mobiltelefon. Irgendwann stößt ihr Freund Greg (Maschinenbauer) hinzu. Die zwei bringen mir dann nützliche Afrikaans-Vokabeln bei; u.a. „poes“, was ich nicht unbedingt meinem Professor sagen solle da es ein sehr, sehr unanständiges Wort sei, aber wohl sehr treffend José beschreibe. U nach einer zweiten Runde Bier geht es mir schon ein bisschen besser.
Später am Abend gehe ich in mein Einzelzimmer und richte mich provisorisch ein. Ich nehme ab sofort meinen Laptop überall mit hin. Sogar zum Duschen. Bevor ich einschlafe höre ich noch etwas Musik und mit meinem Laptop im Arm schlafe ich recht unruhig ein.
Mittwoch, 9. Januar 2008
9. Januar 2008
Nach recht stressigen und nervösen Vorbereitungen in der Heimat und tränenreichen Abschieden passiere ich die Sicherheitskontrolle am Stuttgarter Flughafen. Es ist kurz nach 18 Uhr und ich habe noch zirka eine Dreiviertelstunde Zeit, bis das Boarding beginnt. Schnell die letzte Träne wegwischen und kurz ein letztes Hefeweizen in der deutschen Heimat trinken. Im europäischen Ausland, so meine bisherige Erfahrung, ist das ja recht schwer zu bekommen. Wie wird es dann erst
in Südafrika, besonders in der berühmten Weinregion um Stellenbosch sein?
Ich sehe schon die verwunderten Kellner und Kellnerinnen, die schulterzuckend ihre Bierauswahl von Heineken bis zur lokalen Spezialität aufzählen und meinen Wunsch nach einem Hefeweizen unbefriedigt lassen werden. Also bestelle ich bei einem indischen Kellner ein Hefeweizen, das dieser recht übervoll mit Schaum einschenkt, so dass es überläuft und alles feucht wird. Naja, was soll's? Hauptsache. Während ich das Bier genieße, denke ich an das, was wohl kommen wird, welche Menschen, ich wohl treffen werde und daran wo ich wohl wohnen werde.
Kurz vor dem Boarding blättere ich noch schnell die Stuttgarter Zeitung durch und stelle fest, dass es jetzt McZahn gibt. Ein Aldi für den Mund, ein Zahnarzt à la McDonald's, gegen den sich natürlich die deutsche Zahnärzteinnung mächtig aufregt, weil dessen Gebisse in China gefertigt werden. Da muss ich an einen Witz denken, den mir mein Vater vor der Abreise erzählt hat. Ich gebe diesen hier natürlich nicht zum Besten – schließlich habe ich einen Ruf zu verlieren. Nachdem ich auf meinem Sitz im Flugzeug Platz genommen habe, bemerke ich neben mir eine recht attraktive junge Dame, die mit einem Heft mit der Aufschrift „South Africa“ herumhantiert. Also frage ich sie in meinem besten Englisch, ob sie aus Südafrika komme. Ein freudiges „ja“ hallt mir entgegen. Hierbei ist zu erwähnen, dass das südafrikanische „ja“ (übrigens auch in englischer Konversation durchaus gebräuchlich) viel dunkler und tiefer klingt als das deutsche Standard-Ja und am Ende wieder leicht ansteigt. Man könnte fast gewillt sein und annehmen, es handele sich um einen Ton wie im Chinesischen, wo die Silbe „ma“ je nach Betonung fünf verschiedene Bedeutungen haben kann.
Meine Gesprächspartnerin heißt Jana (man beachte auch hier eben Gesagtes!) und wir kommen schnell ins Gespräch. Ich verpasse vor lauter plaudern fast den sonst so aufregenden Start, wo es einen immer mit so einem Bauchkribbeln in den Sitz drückt, wenn das Flugzeug abhebt. Zu Beginn habe ich echte Schwierigkeiten Jana zu verstehen, da sich südafrikanisches Englisch doch recht deutlich vom „normalen“ Englischen aus Film und Schule unterscheidet. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Ich befürchte sogar, dass mir in der mündlichen Anglistikprüfung so ein südafrikanisches „ja“ anstatt einem sauberen Oxford „yes“ über die Lippen gleiten wird. Vielleicht wird es auch ein „yees“ werden. Dazu aber später mehr.
Jana erzählt mir viel davon, was sie hier in Deutschland gemacht und erlebt hat. Offensichtlich ist, dass sie ein helles Paar Winter-/Schneeschuhe mit Fellinnenfutter gekauft hat, worin sie sogar jetzt hier im Flieger schon schwitzt wie in einer finnischen Sauna. Sie berichtet mir, dass sie Regisseurin bei einem großen südafrikanischen Fernsehsender sei und eine eigene Entertainmentshow im wöchentlichen Programm hat; nicht schlecht! Später werde ich herausfinden, dass jeder die Show kennt und weiß, dass sie mittwochabends läuft, aber keiner schaut sie wohl regelmäßig. Eine Visitenkarte bestätigt ihre Aussage und unterstreicht meine These darüber, dass diese Frau einen Schuhtick hat. Den kann man sich ja als normalverdienender Mensch nur zögerlich leisten. Sie hat in Deutschland so viele Schuhe geschoppt, dass sie jetzt beim Flug das schwerste Paar anziehen muss um Gewicht im Gepäck zu sparen. Ein paar Sätze später bestätigt sie mir meine Vermutung persönlich – ohne Nachfrage.
Nachdem ich mich für den Rest des Fluges noch meinem Nebenfach widmen muss und eine kurze Hausarbeit fertigstellen will, landen wir auch schon kurze Zeit später in Frankfurt. Drei Stunden Aufenthalt. Das wird öde. Denkste! Der Flughafen ist so groß, dass man fast zwei Stunden braucht um von Terminal A nach Terminal B zu kommen, wenn man wie Jana und ich ortsunkundig ist. Wir haben gerade noch Zeit, in der Goethe-Bar etwas zu trinken und eine Toilette zu suchen. Jana muss natürlich noch duty-free-shoppen. Ich telefoniere derweil zum sechsten Mal mit meinen Eltern und mit Uwe. Als wir kurz vor dem Boarding sind, fragt mich Jana, ob ich ihr nicht Ihre Laptoptasche tragen könnte, schließlich hatten wir ja jetzt keinen Wagen mehr. Mir wird mulmig. Schließlich hört man ja eine Menge über diese Drogengeschichten, wenn man nur mal eben kurz eine Tasche halten soll und dann unglücklicherweise der Zoll feststellt, dass sich darin die halbe bolivianische Cocaernte befindet. Jana erkennt, glaube ich, meinen kritischen Gesichtsausdruck und sieht ein, dass sie nun die Früchte ihrer Shoppingwut ernten muss: tonnenschweres Handgepäck.
Als wir im übervollen Warteraum darauf Warten, endlich den Flieger besteigen zu können, geschieht etwas durchaus unangenehmes: „Der Passagier Boris Haselbach wird gebeten sich am Informationsschalter zu melden! Der Passagier Boris Haselbach wird gebeten sich am Informationsschalter zu melden!“ Oh mein Gott, was ist jetzt los? Hat mir Jana doch irgendwo Koks hineingeschmuggelt? Nein, die Sache ist schnell geklärt. Die Dame am Schalter war sich lediglich unsicher, ob sie mein Gepäckstreifen richtig eingescannt hat. Sie hat. Gott sei Dank!
Das Flugzeug füllt sich nur sehr langsam und ich schätze gut 300 Leute gehen in diesen Vogel. Mein erster Interkontinentalflug macht mich schon etwas nervös, aber ich lasse mich vom Strom der Passagiere in das Flugzeug treiben. Meine Nervosität legt sich aber schnell schließlich rauscht, als ich auf meinem Platz sitze, ein Aaaaaacccchhh an mir vorbei. Es gehört zu einem überaus zuvorkommenden, wohlriechenden, überdurchschnittlich gepflegten und stark gestikulierenden Flugbegleiter, der mit klassisch aufgesetzter Freundlichkeit nach meinen Wünschen und meinem Befinden fragt. „Das aufgetackerte Lächeln Ihrer Kollegin gefällt mir. Kann man das auch in diesen Duty-free-Shops kaufen?“, denke ich mir und erkläre, dass ich einen Gin Tonic und zum Essen nicht den Salmon sonder das Chicken wünsche. Das jüdische Ehepaar neben mir bestellt das Gleiche. Ich habe wirklich Glück: der einzige freie Platz im ganzen Flieger ist zwischen dem jüdischen Ehepaar und mir; wunderbar! Das amerikanische Ehepaar vor mir ist natürlich noch lauthals unentschlossen, was sie speisen werden und dummerweise kennen sich das amerikanische Ehepaar vor mir und das amerikanische Ehepaar hinter mir. Ich glaube ich habe durch meine auf volle Lautstärke gedrehten Kopfhörer, mit denen ich versucht habe Donna Leons Nobilità anzusehen, mitbekommen, dass Tommy – das ist wohl der Sohn der vorderen Bush-Schwadron – jetzt in Down Under studiert. Glücklicherweise kennen die vier das jüdische Ehepaar neben mir nicht um mich vollständig zu umzingeln. Stattdessen blättern diese seelenruhig in ihren hebräischen Magazinen.
Mein Display im Vordersitz funktioniert glücklicherweise. Schräg vor mir kämpft gerade ein Passagier vergebens mit der Technik und fragt immer zorniger werdend beim immer gleich gelassen bleibenden Flugpersonal nach Reparatur seines Bildschirms. Irgendwann kommt eine Durchsage, dass man defekte Displays bitte entschuldigen müsse, denn in der Luft seien die Mittel zur Reparatur technischer Probleme nur begrenzt. Na prima, was ist, wenn jetzt was in der Flugelektronik kaputt geht? Also ergibt sich der schräge Passagier dem Gequassele seiner Freundin. Ich glaube es sind Brasilianer: nur brasilianische Frauen können so schöne nasale Vokale produzieren, die man selbst die lauten Kopfhörer noch hindurch hört. Das Chicken ist doch recht bekömmlich und ich kann sogar hin und wieder ein paar Stündchen wohlig schlafen.
