Samstag, 19. Januar 2008
Donnerstag, 17. Januar 2008
17. Januar 2008
Arno ist sehr sportlich. Zumindest macht es den Anschein. In der Lounge stehen zwei Mountainbikes, wovon eines ihm und eines seinem Bruder, der im Übrigen auch Boris heiße, gehöre. Sonntags fährt er für gewöhnlich eine Tour hier durch die Weinberge. Als ich am Sonntag aufstand, sah ich, dass ein Fahrrad fehlte. Zirka eine Stunde später kam er durchgeschwitzt und im Fahrraddress heim. Cool man!
Heute hat er sich am Abend mit Dan, einem Freund, zum Radeln verabredet. Als die beiden nach einer wohl anstrengenden Fahrt zu Hause eintreffen, machen sie sich frisch und haben natürlich einen Bärenhunger. Den habe ich auch, dazu brauche ich nicht extra Fahrrad zu fahren. Also sind wir uns einig, dass wir alle noch etwas zu essen brauchen und da ich das Java-Café (man beachte auch hier die o.g. Ausspracheregel!) noch nicht kenne, gehen wir dort hin. Das Java ist wohl die Kneipe am Platze. Neben dem Beads (wo ich natürlich auch gelegentlich zu finden bin) ist das Java der Laden um zu sehen und um gesehen zu werden. Dan, Arno und ich treffen ein und natürlich hätten wir reservieren sollen, aber da die Jungs auf die netten Kellnerinnen ihren Charme spielen lassen, bekommen wir noch einen kleinen Tisch. Die Einrichtung ist sehr schick und unheimlich lässig. In eben! Die High-Society gibt sich hier die Klinke in die Hand. Mir wird klar, warum Dan und Arno das Java gerne frequentieren: hier bedienen ausschließlich Blondinen.
Auf der Karte mag mir nichts so recht ins Auge springen. Alle Gerichte tragen seltsame Namen und die Zusammenstellung ist auf den ersten (deutschen) Blick ungewöhnlich. Trotzdem ist alles erschwinglich. Ratlos frage ich Dan, was er mir empfehlen könne. Die Rinderstreifen auf den Nudeln seien der Hammer. Er nehme sie. Also tue ich es ihm gleich. Dazu trinken wir Windhoek Lager. Am Anfang denke ich, dass Windhoek Lager so schlecht nicht sein kann, da Namibia immerhin vor rund 100 Jahren eine deutsche Kolonie war und sich dadurch bestimmt eine handfeste Braukultur entwickelt habe; mit Deutschem Reinheitsgebot von 1516 und dem üblichen Kram. Weit gefehlt. Windhoek Lager schmeckt ganz und gar nicht gut und ich habe nach schon einem 0,3 l Fläschchen Kopfschmerzen. Zum Glück kommt langsam das Essen und Arno beschließt, zum Essen einen Wein zu trinken. Schon wieder danke ich Gott für Arno und bestelle sogleich auch einen Wein, zum Rind natürlich einen roten..
Auf einmal kommt wieder dieses dumpfe Geräusch, gefolgt von einem alles übertönenden und von überall her zu hörenden „Aaahhhh“. Es klingt ein wenig wie an Silvester, wenn man erwartungsvoll und freudig gen Himmel schaut, das Feuerwerk bestaunt und voller Überraschung ein lautes „Aaahhhh“ von sich gibt. Hier ist einfach nur wieder Stromausfall. Alles ist schwarz, bis auf die Tischkerzen und die überall herum flackernden Mobiltelefone. Jetzt fehlt nur noch eine große Torte mit Wunderkerzen, aus der ein Überraschungsgast für ein Geburtstagskind hüpft. Aber hier scheint gerade niemand Geburtstag zu haben, und sogleich springt auch schon der Stromgenerator des Javas an. Dan regt sich lauthals mit Worten auf, die ich hier besser nicht wiedergebe. Schließlich habe ich auf dieses Internettagebuch keine Altersbeschränkung erhoben. Der Teil, den man zitieren kann, ist die Frage, wo wir denn hier lebten. „In Afrika“, unterrichtet uns der freundliche Herr am Nebentisch und legt seine Zeitung aus der Hand, da es zum Spiegellesen jetzt etwas zu dunkel ist.
Was war das? Ein Spiegel? Ich bin entzück, eine deutsche Zeitschrift zu erblicken und beschließe, den Herren am Nebentisch zu fragen, woher er denn den Spiegel habe. Als wieder Normalität im Restaurant herrscht, klinke ich mich kurz aus unserem Gespräch aus. Dan und Arno meinen wohl ich müsse für kleine Maties und die beiden gucken doch etwas verdutzt, als ich den Herren am Nachbartisch aus der Luft heraus anspreche. Auf Deutsch begrüße ich ihn und sage, dass ich davon ausgehe, er verstünde, seiner Lektüre wegen, doch sicherlich Deutsch. Akzentfrei antwortet er mir und erklärt mir, dass er hier in Stellenbosch schon eine Weile wohne, ursprünglich aber aus Deutschland komme. Er möchte wissen, warum ich hier sei. Ich erkläre es ihm und, wie jeder dem ich das sage, finde er es sehr spannend. Nun nenne ich ihm den Grund für meinen kleinen Überfall. „Wo gibt es hier den Spiegel?‟ „Bei einem Spar-Supermarkt (wo auch sonst?) ein Stückchen außerhalb, wenn man auf der Straße in Richtung Kayamandi, dem Stellenboscher Township, fährt“. Jeden Dienstag käme der „frische Stoff“ an. Klingt logisch, schließlich bin ich auch fast zwölf Stunden geflogen, also darf der Spiegel hier auch einen Tag Verspätung haben.
Ich bedanke mich bei dem Herren am Nachbartisch und geselle mich wieder zu meinen Jungs, denen ich auch gleich meine Aktion erkläre. Dan kennt den Spar. Leider ist es zu Fuß keine gute Idee dorthin zu gehen, werde ich aufgeklärt, aber Dan verspricht, bei Gelegenheit an mich zu denken und deutsche Ware für mich zu besorgen. Das Rind auf Nudelbett ist äußerst wohlschmeckend und wird von den Spaghetti mit Paprika und der leckeren Soße perfekt abgerundet. „Der Tipp war prima“, bedanke ich mich bei Dan. „Plesha!“
Nach dem Essen wollen die beiden rauchen und wir setzen uns deswegen nach draußen. Auch in Südafrika ist das Rauchen in Lokalen verboten, jedoch hält sich hier im Gegensatz zu Deutschland jeder an das Gesetz. Verdrehte Welt!
Mittwoch, 16. Januar 2008
16. Januar 2008
Irgendwann am späten Vormittag klingelt mein Telefon. Es meldet sich auf Deutsch ein gewisser Robert. Er habe meine Nummer von Alet aus dem internationalen Büro, ob ich nicht zufällig eine Bleibe wisse. Tue ich natürlich nicht, aber ich könnte ja mal Arno fragen. Da ich weiß, wie grauenvoll seine Situation gerade ist, biete ich ihm an, einen Kaffee trinken zu gehen. Er nimmt freudig an. 30 Minuten später treffen wir uns vor dem internationalen Büro und wir holen uns einen Kaffee zum Mitnehmen bei einem nahe gelegenen Kaffeeladen. Wir setzten uns auf dem Kampus in der flirrenden Hitze in den kühlen Schatten einer großen alten Eiche. Robert kommt aus Heidelberg, ist auch 81er Baujahr, studiert Geographie und hat schon einmal ein Semester hier in Stellenbosch und eines in Kapstadt studiert. Er kennt sich also aus und wohnt zur Zeit bei Freunden in Kapstadt. Zwar habe er ein Auto, aber jeden Tag zu pendeln ist ja auch nicht das Wahre. Also verspreche ich ihm, Arno zu fragen. Nach ein paar Minuten schlendern Alet und ihr Freund vorbei. Sie freut sich, dass wir Kontakt zueinander aufgenommen haben und schon zusammen „rumhängen“, wie sie es nennt. Sie „chille“ auch gerade. „C U guys!“ Wir beide befinden Alet für klasse.
Robert berichtet mir von seinen Wohnungsbesichtigungen. Es war wohl grausam. Das Zimmer der Dame, die mir die Telefonnummer der Herberge am A..., äh, anderen Ende des Dorfes gab, wäre wohl die Art Zimmer, die man freiwillig nicht nehme. Nur unter Zwang oder Folter sei die Bude auszuhalten. Nachdem wir eine ganze Weile geplaudert haben, verabschieden wir uns. Er habe noch einen Wohnungstermin. Ich wünsche ihm natürlich viel Erfolg dabei und bei der weiteren Suche. Zurück in meinem Büro sende ich drei Stoßgebete gen Himmel für Arno!
Dienstag, 15. Januar 2008
15. Januar 2008
Da ich gestern am Telefon im Gespräch mit den Joubert Straat Jungs verstanden habe, dass sie irgendwelche technischen Probleme haben (wahrscheinlich kein Strom), habe ich am Montag in Bezug auf mein Internet-Problem nichts mehr unternommen. Heute, denke ich, wäre es aber schon ganz nett, mal mit meinem Mac ins Netz zu können. Also marschiere ich zu Joubert Straat. Nachdem natürlich zuerst niemand wirklich Zeit und Lust hat mir zu helfen, findet sich doch ein gewisser David, der sich meiner annimmt. Er versucht diverse Male, über W-LAN ins Netz zu kommen. Es klappt nicht. Irgendetwas ist da nicht ganz wie es sein sollte. Also versucht er es mit einem Kabel. Zur Not soll mir das auch recht sein. Er tippt ein paar Befehle in meine Systemeinstellungen, die ich niemals erraten hätte und voilà, mein Browser lädt Google als Startseite. Ich bin beglückt.
Noch befürchte ich, dass es nur hier funktioniere, aber David gibt mir die Telefonnummer von Joubert Straat, die ich zwar schon habe, und sagt, ich solle nach ihm verlangen, falls es an meinem Arbeitsplatz nicht klappe. Werde ich tun, drohe ich. Ich verlasse Joubert Straat und laufe die Merrimanlaan hinunter zum Letteregebou. Zurück in meinem Büro schließe ich meinen Mac an und es klappt. Halleluja!
Sofort rufe ich kurz meine Eltern an, damit sie ihren Computer anschalten und wir Skype ausprobieren können. Skype ist ein kleines Progamm, mit welchem man, wenn man am Internet hängt, über ebendieses telefonieren kann. Es gibt den Telefonierenden sogar die Möglichkeit, eine Kamera anzuschließen um sich beim Gespräch in die Augen schauen zu können. Fünf Minuten später quatschen meine Eltern und ich was das Zeug hält. Schöne neue Welt.
Montag, 14. Januar 2008
14. Januar 2008
Am Montag in der Früh versuche ich mit meinem Rechner ins Internet zu kommen. Auf dem Weg zum rufe ich bei den Jungs von Joubert Straat an, vielleicht können die mir kurz einen Trick verraten. Ich werde ungefähr zehn Mal weiterverbunden und immer darf ich mein Geschichtchen von meinem offline Mac erzählen. Keine weiß so recht, was man da machen kann. Als ich mir denke, dass mir am Telefon eh nicht zu helfen ist, bedanke ich mich bei meinem momentanen Gesprächspartner und dann höre ich am anderen Ende das Wort, das mich hier noch ein wenig begleiten soll „pleasure“. Das südafrikanische „pleasure“ ist allerdings vom standardsprachlichen britischen „pleasure“ phonologisch klar zu unterscheiden. Es klingt eher wie „plesha“.
Ich versuche mein Onlineglück auf eigne Faust. Keine Chance. Irgendetwas hakt. Ich spiele solange in den Systemeinstellungen meines Rechners herum, bis ich beinahe den Termin mit Rufus verschwitzt hätte. Ich komme aber noch rechtzeitig. Rufus empfängt mich wie immer sehr herzlich und fragt ob auch wirklich alles in Ordnung sei und ob keine neuen Schwierigkeiten mit der Unterkunft aufgetreten seien. Nein, alles bestens, versichere ich ihm. Bis auf das Onlineproblem, aber da kann er mir bestimmt auch nicht helfen, das kann wohl niemand. Wir reden eine ganze Weile über meine Arbeit im Allgemeinen und über Perspektiven meiner Arbeit. Er ist sehr angetan und sagt, dass er mich unbedingt ein paar Leuten hier vorstellen möchte. Bislang gibt es noch keine linguistisch annotierten Corpora für das Afrikaans und eigentlich bestünde schon Bedarf. Also, ran ans Werk.
Im Februar und März ist für gewöhnlich Prof. Bergenholtz aus Århus, Dänemark, in Stellenbosch im Rahmen einer Gastprofessur. Zur Zeit stünde jedoch Prof. Begenholtz' Büro leer und ich könne es benutzen. Cool! Wir gehen zu Frau Roos, der Sekretärin der Abteilung. Sie sei die gute Fee und könne bei (fast) allem helfen. Sie ist sehr nett und droht an, mit mir Afrikaans zu sprechen. Endlich kann ich üben! Rufus führt mich in „mein“ Büro – es ist drei Zimmer neben seinem – und er bietet an, jederzeit bei ihm oder Frau Roos vorbei zu kommen; falls ich Fragen, Wünsche oder Probleme haben sollte.
Das Büro ist zwar nicht besonders grandios, aber es ist erst einmal mein eigenes Büro. Zwei nebeneinander gerückte Schreibtische. Auf dem linken steht ein Rechner und ein Drucker. Den rechten Platz beschlagnahme ich. Außerdem stehen eine Unmenge Bürostühle und ein Haufen Kruscht in der hinteren Ecke des Raumes, aber das stört mich keinesfalls. Ich richte mich häuslich ein, bestaune die tolle Aussicht und fühle mich erst einmal eine Weile einfach nur wohl. Den Schlüssel begutachte ich wie ein kleiner Junge, der gerade einen Riesenlutscher geschenkt bekommen hat. Ich befestige ihn an meinem Schlüsselbund mit dem coolen elektronischen Toröffner zu „meiner“ Wohnung. Klasse!
Ach ja, da war ja noch etwas: die List mit gestohlen Gegenständen will zur Polizei gebracht werden. Ich habe am Wochenende ja schon angefangen, diese zu erstellen. Mit der Registrierungsnummer meines Mobiltelefons, welche mir meine Eltern zugeschickt haben, komplettiere ich den Wisch. Louiskitt hat mir letztens einen Zettel mit seiner und der Telefonnummer eines Inspektor Gouws mitgegeben (ich habe Rufus gefragt: sie sind nicht verwandt; zumindest weiß er von nichts). Ich rufe dort an. Ich werde auf Afrikaans begrüßt, aber da ich mich noch nicht verhandlungssicher im Afrikaans einschätzen würde, antworte ich englisch. Alle Südafrikaner sind zum Glück der englischen Sprache derart unterwürfig, dass man auf jede Frage oder Aussage in irgendeiner der anderen zehn Amtssprachen auf Englisch antworten kann. Der Gesprächspartner wechselt sofort in die Sprache von McDonald's, CocaCola, Hollywood und George W. Man ist ja schließlich weltoffen. Also lasse ich mein beitetes Ämärikäninglisch raushängen und verlange nach Inspektor Gouws. Mir wird dargelegt, dass ich am Mittwoch wieder anrufen solle. Da sei Inspektor Gouws wieder im Büro. Also doch nicht ganz so amerikanisch. Ich reduziere meinen amerikanischen Akzent und berichte von meinem Problem. Ganz höflich frage ich, ob es denn unbedingt dieser Inspektor Gouws sein müsse. Schließlich habe ich mit ihm ja noch nichts zu tun gehabt. Irgendein anderer Offica würde auch helfen können. Ich verstehe nicht so ganz, was mir gesagt wird und merke, dass ich wohl oder übel persönlich zur Wache gehen muss. Verwirrt bedanke ich mich und höre: „plesha“. Grrrrr ...
Dieses Mal finde ich den Vordereingang. Er ist eigentlich gar nicht so schwer zu finden, aber wahrscheinlich war ich zu aufgeregt, als dass ich mich damals hätte richtig orientieren können. Ich gehe durch diverse (unbewachte und verlassene) Tore und Sicherheitsschranken mit dem wohl einsamsten Pförtnerhäuschen, das ich jemals gesehen habe. Dann betrete ich die Polizeidienststelle; diesmal von der richtigen Seite. Als ich nach gefühlten drei Stunden Wartezeit endlich an der Reihe bin, komme ich zu einem sehr netten schwarzen Polizeibeamten. Dass er schwarz ist, bräuchte ich eigentlich nicht zu erwähnen: alle sind hier schwarz. Und ich habe zum ersten mal das Gefühl auf Grund meiner Hautfarbe isoliert zu sein. Ein komisches Gefühl, das mir zu denken gibt. Nichtsdestominder erzähle ich mein Geschichtchen zum x-ten Mal und werde gebeten, ebendieses dem Gentleman hinter der Holztüre erneut zu berichten. Dass hinter dieser Holztüre nichts arg böses lauert weiß ich ja bereits vom letzen Mal ... Also gehe hindurch und will gerade zu dem braunen Gentleman, als sich urplötzlich eine ältere indische Frau ganz aufgeregt vordrängelt. Nachdem Inspektor Gentleman diese abgefertigt hat, komme ich an die Reihe. Ich fange gerade an zu erzählen, da platzt ein sonnengebräunter Weißer Marke „Lässiger Surfer“ herein und beschwert sich, dass dieses Fingerabdruckskommando ausgerechnet dann komme, wenn er arbeiten müsse. Und dann hat der Beachboy noch eine Reihe anderer Probleme, die er ausgerechnet jetzt mit Inspektor Gentleman zu diskutieren meint. Dieser lässt sich scheinbar gerne auf die Diskussion ein. Um was es genau geht, verstehe ich nicht so ganz. Es dauert nur ewig. Ich warte. So langsam fangen diese Crocs-Latschen des Surfertyps an, mich extrem zu nerven. Ruhig bleiben, immerhin bin ich auf einer Polizeidienststelle in einem fremden Land.
Als Inspektor Gentleman endlich für mich Zeit hat, ist er sehr nett zu mir und bedauert das, was mir geschehen ist. Er kramt in seinen Akten und drückt mir einen zum 300. Mal fotokopierten Vordruck in die Hand, wohinein ich alle geklauten Gegenstände schreiben soll. Er bittet mich einstweilen nach draußen, damit er weiterarbeiten kann. Ich setzte mich in den „Warteraum“ der Wache und beginne die Liste zu übertragen. Von sauber geordnet nach schlampig kopiert. Als ich fast fertig bin, kommt Constable Williams auf mich zu und bietet mir an, dass ich zum Ausfüllen nicht hier bleiben müsse. Ich sage, dass ich fast fertig bin und es kein Problem sei, das auf der Wache zu erledigen. Aber er schien so über mein Wohlergehen besorgt zu sein und mir diverse Male erklärte, dass ich nur anrufen müsse, dann kämen die Officas zu mir nach Hause uns nähmen dann meinen Fall auf und um endlich so eine Akte zu erstellen. Also gehe ich für die restlichen zwei Zeilen nach Hause.
Daheim angekommen schreibe ich die zwei Zeilen fertig und rufe bei der Polizei an. Man sagt mir, ich solle vorbeikommen. Nein Jungs, ich will Constable Williams sprechen. Man überreicht mich ihm. Natürlich erinnert er sich an mich. Ich sage, ich sei fertig und die Officas könnten nun kommen. In zehn Minuten seien sie bei mir.
56 Minuten später fährt gemütlich ein Polizeilaster in die enge Einfahrt. Die Officas begrüßen mich und ich führe sie in die Lounge, wo ich ihnen ein kühles Getränk offeriere. Sie nehmen gerne an. Der eine scheint nichts zu sagen zu haben und hat nur zu dokumentieren. Chefoffica interviewt mich; mit ihm führe ich die Hauptkonversation. Er fragt, woher ich komme da ich so klares Englisch spreche (im Vergleich zum Englischen hier ist meines wirklich prima). Deutschland ist meine Antwort. „Great Football Championship“, höre ich. Schon gut, habt ihr ja auch bald.
Nachdem wir fertig sind und die Officas alles akribisch mitgeschrieben haben, frage ich, ob sie noch etwas trinken möchten. Sie sind sitt. Mir scheint als ob der Unterofficia mehr geschrieben hat, als Oberoffica und ich gesagt haben. Der Aktenschimmel ist eben nicht nur in Deutschland weit verbreitet. Oberoffica erklärt mir, dass ich in zirka zwei Stunden anrufen könne und dann eine Aktennummer erhalte, mit der ich alles weiter regeln könne zu diesem Fall. Klingt logisch. Ich könne dann sogar mitten in der Nacht zur vorbeikommen und nachfragen, wie die Ermittlungen zu meinem Fall stünden. Bei der Polizei habe man 24 Stunden auf. Beruhigt mich. Ich bedanke mich und sage dass ich mich wegen der Nummer melde. Mein Telefon sehe ich nie wieder.
Oberoffica dirigiert Unteroffica mit dem Polizeitruck aus unserem engen Hof. Naja, Paris Hilton hätte es bestimmt nicht schlechter gemacht. Als die Officas gegangen sind, haben wir wieder einen Stromausfall. Also gehe ich zur Uni, wo in solchen Fällen ein Generator für Elektrizität sorgt. In meinem Büro arbeitet es ich prima.
Sonntag, 13. Januar 2008
13. Januar 2008
Der Sonntag ist recht unaufregend. Welch ein Segen! In der Früh gehe ich bei Wimpy etwas frühstücken und dann an die Uni: E-Mails, Spiegel-Online, Wikipedia, YouTube. Das macht süchtig! Auf dem Rückweg hole ich die Klamotten ab, die für mich zurückgelegt wurden. Tatsache. Der Verkäufer erinnert sich an mich und wir plaudern kurz über diese lästigen Stromausfälle, ich bezahle und verlasse den Laden. Ja, am Sonntag. Zwar haben die meisten Geschäfte nur am Vormittag offen, aber immerhin.
Arnos hat sich gleich zu Anfang dafür entschuldigt, dass seine Waschmaschine noch nicht installiert ist. Im ersten Moment war mir das auch ziemlich Schnuppe, Hauptsache war, ich bekomme das Zimmer. Aber mit der Zeit frage ich mich schon wie ich hier am besten meine Kleidung waschen soll. Arno ist unterwegs und ich kann ihn nicht fragen. Also versuche ich am Nachmittag Wäsche zu waschen. Schließlich wärmen meine T-Shirts, mein Hemd und meine tolle braune Hose gerade ein argentinisches Waisenkind – zumindest rede ich mir das ein, damit ich mich nicht so aufrege – und irgendwann gehen die frischen Klamotten bestimmt aus. Vorsorglich habe ich mir ein bisschen Waschpulver besorgt, das auch zur Handwäsche geeignet ist. Es hat um die 3 Rand gekostet; 30 Euro-Cent für ein Paket Waschpulver. Das nenne ich faire Preise. Ich lege meine Oberteile in die Seifenlauge im Waschbecken und knete die Kleidung etwas durch. Es funktioniert wunderbar und ich bin ein bisschen stolz auf mich. Als ich fertig bin kommt Arno und fragt, was ich da treibe. Es empfiehlt mir den Trockenplatz hinter dem Garten um meine Sachen aufzuhängen und etwas amüsiert von meiner Aktion erklärt er mir, wie er Wäsche wasche, bzw. wo er seine Wäsche waschen lasse. Ganz in der Nähe gibt es eine Wäscherei – Washington CD. Eine Ladung Wash & Fold für 29 Rand. Das ist akzeptabel denke ich und beschließe, das in Zukunft auch dort machen zu lassen. Auf Neudeutsch würde man das sicherlich Private Service Outsourcing nennen.
Samstag, 12. Januar 2008
12. Januar 2008
Ich kann zum Glück in Humarga meine E-Mails an den lokalen Rechnern abrufen. Meinen Laptop über das Funknetz ins Internet zu hängen, klappt natürlich nicht. Und natürlich ist samstags auch niemand von den Jungs in Joubert Straat erreichbar. Also muss ich das Wochenende über etwas improvisieren. Den frühen Vormittag bringe ich auch schnell mit E-Mails, Spiegel-Online, Wikipedia, YouTube, usw. über die Runden. Schließlich arbeite ich auch noch ein wenig an meinem Tagset und stapfe zu Wimpy, einer Art McDonald's. Nur scheint das Angebot etwas umfangreicher zu sein. Wimpy befindet sich in der Eikestad Mall, einem zweistöckigen Einkaufszentrum mit Läden für alles, was man so braucht. Man bestellt bei Wimpy nicht am Schalter und wackelt dann mit seinem Tablett an einen Tisch, nein, man wird bedient und ein weißer „Aufseher“ passt wie ein Fuchs auf, dass seine braunen und schwarzen Ladys auch zügig zur Stelle sind. „Wurden sie schon bedient?“, „Wurden Sie freundlich bedient?“ oder „Schmeckt Ihnen das Essen?“, fragt er beim Herumgehen gerne die Gäste. Als ich etwas verwundert über diesen Service in einem Schnellrestaurant freundlich nicke und erwidere, dass wirklich alles zu meiner vollsten Zufriedenheit ist, möchte er wissen, woher ich komme. „Deutschland, Stuttgart“, sage ich, „Sie wissen schon, Mercedes, Porsche und Bosch“. Er möchte wissen, was ich hier mache und ich erkläre es ihm. Auch meine Erfahrung mit der Kriminalität lasse ich nicht aus. „Ja, ja, so ist das eben, hier, in Afrika!“, sagt er und schaut seine schwarze Angestellte abfällig an. Dass ich sicherlich nicht von ihr, die mir weitaus sympatischer erscheint als Mr. Sklaventreiber, beraubt wurde, sondern von irgendeinem Backpacker-Poes aus Argentinien, würde an seiner Meinung bestimmt nichts ändern. Also bin ich still und beiße in meinen Wimpy-Burger. Schwere Kost!
In der Eikestad Mall befindet sich auch ein Supermarkt, der fernab von deutschen verkaufsstrategisch optimiert platzierten Regalen, sehr chaotisch eingerichtet erscheint. Keine klar identifizierbare Lebensmittelabteilung, keine Non-Food-Abteilung, alles irgendwie durcheinander. Die Gänge sind ewig lang und wenn man etwas bestimmtes sucht, so muss man eben die ganzen Gänge durchlaufen. Aber es ist lustig, zu sehen, was es hier so gibt. Eigentlich alles. Lebensmittel, Grillzubehör, Toilettenartikel, Spielsachen, ... Aber keinen gescheiten O-Saft, entweder gesüßt oder gemixt mit Apfel: furchtbar. Vieles ist aber gleich und einiges ist dann doch anders. Die Kassen haben beispielsweise keine Laufbänder und überall wird einem der Einkauf in Tüten eingepackt. Auch der Gemütlichkeit wird hier sehr ausgiebig gefrönt. Unglaublich, dass „Gemütlichkeit“ kein Wort des Xhosa ist.
Xhosa (eigentlich isiXhosa genannt) ist im Übrigen die Sprache der schwarzen Bevölkerungsgruppe hier in der südafrikanischen Westkapregion. Zwar sprechen alle auch Englisch und Afrikaans, aber untereinander wird Xhosa gesprochen. Eine Eigenheit der Bantusprachen, wozu Xhosa gehört, sind die Klicklaute. Für europäische Ohren gänzlich unbekannt, klingt so ein Klicklaut recht lustig. Man muss sich z.B. den Laut „x“ vorstellen, wie das Zungeschnalzen beim Reiten. Im Fachjargon heißt er „lateral click“, da er seitlich mit der Zunge produziert wird. Es gibt noch eine ganze Reihe anderer Klicks, u.a. „c“, was sich anhört wie das zungenschnalzende Tadeln eines jungen, ungezogenen Lausbuben. Aber ich schweife ab.
Ich beschließe, noch eine kurze Hose und ein paar T-Shirts zu erstehen, da Poes-José ja auch davon etwas brauchen konnte. Ich gehe in einen recht coolen Klamottenladen und finde schnell ein paar nette Sachen, die auch wunderbar passen. An der Kasse angekommen ertönt urplötzlich ein dumpfes Geräusch und dann ist alles dunkel. In einem Einkaufszentrum dieser Art gibt es ja für gewöhnlich keine Fenster. Es bricht gelassene Panik im Laden aus und alle fuchteln plötzlich mit ihren Mobiltelefonen herum um Licht zu machen. Der Mann hinter an der Kasse gibt mir meine VISA-Karte zurück und sagt: „Sorry Sir, we have no power. I keep this for you.“
Stromausfälle sind in Südafrika wohl ein modernes Problem geworden, seit in der Regierung vor ein paar Jahren falsche Entscheidungen getroffen wurden, wie mir gesagt wurde, und zu wenig Kraftwerke existieren um alle Klimaanlagen und sonstige Stromfresser mit genügend Energie zu versorgen. Also tapse ich mit meinen sieben Sachen nach draußen und setze mich in ein Café um etwas zu trinken. Der Kaffee ist noch heiß, jedoch entschuldigt sich die Kellnerin zutiefst dafür, dass sie mir sonst nichts anbieten kann. „Sorry Sir, we have no power.“ Nach meinem Kaffee schlendere ich im strahlenden Sonnenschein nach Hause. Zum Glück geht die Sonne nicht so schnell aus, denke ich mir und genieße den warmen Sommerwind des Indischen Ozeans.
Alsbald holt mich auch schon mein Professor zum Ausflug ab. Wir fahren nach Strand, einem Surferdorf am Meer, das ungefähr 20 km südlich von Stellenbosch liegt. Auf dem Weg dorthin bietet mir mein Professor mir das Du an: Rufus. Rufus ist es immer noch sehr unangenehm, dass ich in der Unterkunft gleich am ersten Tag ausgenommen wurde und ich versichere ihm, dass das jetzt eben geschehen sei und er doch überhaupt nichts dafür könne. Das tröstet ihn und wir reden recht nett über dies und das in Südafrika. Unter anderem auch über die Stromausfälle. Auch diese sind ihm überaus unangenehm und ich plädiere dafür, dass dies doch für Südafrika die Gelegenheit sei, um auf regenerative Energieressourcen umzusteigen. Er stimmt mir zu und bedauert nicht am Entscheidungstisch zu sitzen. Recht hat er!
Wow, der Ausblick auf den Ozean von der Straße aus ist bezaubernd. Lediglich die Hotelsilos im Mallorcastil stören die Idylle des Ortes am Meer. Rufus parkt und wir spazieren barfuß durch den herrlich warmen Indischen Ozean. Schade, dass ich zum Arbeiten gekommen bin.
Auf dem Rückweg nach Stellenbosch gibt mir Rufus eine kleine Übersicht über die Bevölkerungs- und Sprachensituation in Südafrika. Es gibt elf Amtssprachen: Englisch und Afrikaans als die Sprachen der weißen Einwanderer. Daneben gibt es neun amtliche Bantusprachen: isiZulu, isiXhosa, Siswati und isiNdebele, die zur Gruppe der Nguni-Sprachen gehören, sowie Setswana, Sesotho und Sepedi, die zu den Sotho-Sprachen gehören, außerdem gibt es noch Xitsonga und Tshivenda.
In der Westkapregion (und fast überall im Land) spricht man „Englisch“. Afrikaans sprechen vor allem im Westen Südafrikas hauptsächlich die Braunen und Weißen. Die Schwarzen sprechen zwar hier auch oft Englisch und Afrikaans, ihre Muttersprache ist aber meist Xhosa oder Zulu. Die anderen Sprachen werden stattdessen in den anderen Provinzen vorwiegend von den Schwarzen gesprochen. Dies führt auch zur Erklärung von – politisch korrekt – schwarz, braun und weiß; für Südafrika immer noch ein schwieriges Thema. Die Schwarzen seien die „Ureinwohner“, was so ganz wohl auch nicht stimme, da sie vor ein paar Hundert Jahren aus dem Norden hierher gekommen seien und die eigentliche Bevölkerung Südafrikas, die San und Khoikhoi, fast gänzlich verdrängt haben. Die Braunen seien wohl zum Teil Nachfahren der San und Khoikhoi, bzw. Nachfahren der ersten europäischen Siedler und deren Sklaven. So ganz verstehe ich das zwar noch nicht, aber da bin ich sicherlich nicht allein. Woher die Weißen kommen ist ja klar. Stichworte: 17. Jahrhundert, Vereenigde Oostindische Compagnie, Buren, British Empire, Apartheid, etc.
Wir machen Halt an einem wirklich tollen Weinberg und Rufus entschuldigt sich schon wieder dafür, dass er mir „nur“ den Hauswein bestellt hat. Er ist köstlich und wir plaudern schon ein wenig über seine und meine Arbeit. Gespannt lausche ich und jetzt wird mir klar: der Aufenthalt hier wird sich definitiv lohnen, der Mann ist genial. Rufus bringt mich zurück zu meiner Wohnung und wir machen einen Termin aus für Montag, 10 Uhr. Ich freue mich.
Am Abend gehe ich mit Arno aus. Zuerst trinken wir ein Bier und essen ein leckeres Steak. Dabei reden wir sehr viel und er erklärt mir seine Situation: Beziehungsstress, usw. Er wolle mich eigentlich als Versuchskaninchen missbrauchen. Er hat die Wohnung neu gemietet und will testen ob er WG-tauglich ist. Zwei Monate seien im schlimmsten Falle ja auszuhalten, aber bislang fände er mich ganz prima. Nach dem Essen gehen wir noch ins „De Akker“ die wohl älteste Beiz südlich des Äquators auf dem afrikanischen Kontinent: cool. Ein bisschen wie das Hozti. Ich treffe dort noch eine Menge seiner Freunde, u.a. Liz, die auch schon eine Weile in „Disseldoof“ gelebt hat und daher auch recht gut Deutsch spricht. Denkt sie zumindest. Ein wenig beschwippst schlendern am späten Abend Arno und ich die Dorp Straat entlang nach Hause.
